Scalable Capital war lange vor allem ein günstiger Neobroker für ETF-Sparpläne und gelegentliche Aktienkäufe. Diese Beschreibung greift 2026 zu kurz. Das Unternehmen besitzt inzwischen eine Vollbanklizenz, bietet ein separates Tagesgeldkonto an, vergibt selbst Kredite und betreibt gemeinsam mit der Börse Hannover einen eigenen Handelsplatz.
Seit unseren früheren Berichten hat sich damit einiges verändert. Noch 2023 haben wir erklärt, warum wir Scalable Capital nicht nutzen. Zuletzt ging es im Mai 2025 um das damals angekündigte Kinderdepot. Inzwischen ist daraus eine deutlich umfangreichere Finanzplattform geworden. Besser ist dadurch vieles geworden. Einfacher zu durchschauen aber nicht unbedingt.
Scalable Capital ist inzwischen eine echte Bank
Am 10. September 2025 erhielt Scalable Capital von der Europäischen Zentralbank die Erlaubnis für das Einlagen- und Kreditgeschäft. Das Unternehmen ist seitdem ein sogenanntes CRR-Kreditinstitut und wird von BaFin und Bundesbank beaufsichtigt. Scalable darf Kundengelder selbst annehmen und eigene Kredite vergeben.
Trotzdem ersetzt Scalable Capital bislang keine klassische Hausbank. Es gibt kein normales Girokonto für den Gehaltseingang und keine Karte zum Bezahlen im Supermarkt. Für die Anmeldung wird weiterhin ein Girokonto bei einem anderen Kreditinstitut im SEPA-Raum benötigt. Die Vollbank konzentriert sich bisher auf Sparen, Investieren und Finanzieren.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Scalable ist 2026 eine Bank, aber keine Bank für den gesamten Alltag.
Das Tagesgeldkonto zahlt 2,50 Prozent
Seit dem 16. März 2026 bietet Scalable ein separates Tagesgeldkonto an. Der variable Zinssatz liegt derzeit bei 2,50 Prozent pro Jahr. Die Zinsen werden taggenau berechnet und monatlich gutgeschrieben. Eine Mindesteinlage oder einen Höchstbetrag für die Verzinsung nennt Scalable nicht. Das Tagesgeld besitzt eine eigene IBAN und lässt sich über die App oder die Weboberfläche verwalten.
Das Angebot gilt auch ohne PRIME+-Abo. Der kostenpflichtige Tarif ist also nicht erforderlich, um die 2,50 Prozent zu erhalten.
Wichtig ist allerdings die Trennung zwischen Tagesgeld und Broker. Auf dem normalen Broker-Verrechnungskonto gibt es seit April 2026 keine Zinsen mehr. Dort liegendes Geld wird mit null Prozent verzinst. Wer nicht investiertes Kapital parkt, muss es aktiv auf das Tagesgeldkonto verschieben.
Das ist kein komplizierter Vorgang, aber man muss es wissen. Wer Geld auf den Broker überweist und dort mehrere Wochen auf eine Kaufgelegenheit wartet, bekommt dafür nichts.
Einlagensicherung: Der Tarif macht einen Unterschied
Beim PRIME+-Modell kann das Tagesgeld auf Scalable Capital und bis zu vier Partnerbanken verteilt werden. Dadurch sind theoretisch bis zu fünfmal 100.000 Euro durch die gesetzliche Einlagensicherung geschützt. Ob das Geld tatsächlich auf alle fünf Banken verteilt wird, hängt von der konkreten Verwahrung ab.
Im kostenlosen FREE-Modell kann das Guthaben ebenfalls bei Banken liegen. Scalable behält sich dort aber auch vor, Geld ganz oder teilweise in qualifizierten Geldmarktfonds zu verwahren. Für diesen Anteil gilt keine gesetzliche Einlagensicherung wie bei einem Bankkonto. Stattdessen gelten die europäischen Schutzvorgaben für regulierte UCITS-Fonds.
Das bedeutet nicht automatisch, dass das Geld unsicher ist. Es ist aber eine andere Konstruktion als klassisches Tagesgeld bei einer einzelnen deutschen Bank. Wer großen Wert auf die gesetzliche Einlagensicherung legt, sollte in der App prüfen, wo das eigene Guthaben tatsächlich verwahrt wird.
Scalable macht Gettex teurer
Bei den Handelskosten gibt es 2026 eine Änderung, die man leicht übersehen kann.
Seit dem 8. Juli kostet eine Order über Xetra nur noch 1,99 Euro. Die bisherige zusätzliche Handelsplatzgebühr entfällt. Das ist tatsächlich günstiger als zuvor.
Gleichzeitig wird jedoch der Handel über Gettex teurer. Bis zum 31. August 2026 gelten dort noch die bisherigen Konditionen. Im FREE-Tarif kosten reguläre Orders 0,99 Euro. Im PRIME+-Tarif sind Orders ab 250 Euro in vielen Fällen kostenlos.
Ab dem 1. September 2026 verlangt Scalable für Gettex-Orders grundsätzlich 1,99 Euro. Das gilt sowohl im FREE- als auch im PRIME+-Modell. Gettex kostet dann genauso viel wie Xetra.
Die besonders günstigen Konditionen bleiben vor allem an der European Investor Exchange, kurz EIX, bestehen. Dort zahlen PRIME+-Kunden für Orders ab 250 Euro weiterhin keine Ordergebühr. Im FREE-Modell werden normalerweise 0,99 Euro fällig; ausgewählte PRIME-ETFs können ab 250 Euro weiterhin kostenlos gekauft werden. Sparpläne bleiben unabhängig vom Tarif gebührenfrei.
Die European Investor Exchange wird von Scalable gemeinsam mit der Börse Hannover betrieben. Scalable lenkt Kunden über die Gebührenstruktur damit deutlich in Richtung des eigenen Handelsplatzes. Das muss für Anleger kein Nachteil sein. Vor einer Order sollte man aber nicht nur auf die sichtbare Gebühr achten, sondern auch Kurs, Spread, Handelszeit und verfügbares Volumen vergleichen.
Das Kinderdepot ist inzwischen verfügbar
Als wir im Mai 2025 über das Scalable-Kinderdepot berichtet haben, befand sich das Angebot noch in Vorbereitung. Seit dem 23. Oktober 2025 können Eltern die Kinderkonten regulär eröffnen.
Zur Auswahl stehen ein selbst verwaltetes Kinderdepot im Broker und ein automatisch verwaltetes Portfolio über Scalable Wealth. Alle Sorgeberechtigten benötigen zunächst ein eigenes Scalable-Konto. Anschließend erhalten sie Zugriff auf das Konto des Kindes. Auch bei alleinigem Sorgerecht ist die Eröffnung möglich.
Eine Besonderheit nennt Scalable „Taschengeld“. Bei rund 200 ausgewählten ETFs werden die laufenden Fondskosten, also die TER, erstattet und wieder angelegt. Beim Kinderkonto in der Vermögensverwaltung entfällt dagegen die Verwaltungsgebühr von Scalable. Produktkosten der verwendeten ETFs können trotzdem anfallen.
Auch für Kinder kann mittlerweile das separate Tagesgeldkonto mit aktuell 2,50 Prozent eingerichtet werden. Das frühere Argument, Scalable habe zwar ein Kinderdepot angekündigt, könne aber noch nichts liefern, ist damit erledigt.
Trade Republic hat allerdings ebenfalls ein Kinderdepot eingeführt. Die Frage lautet 2026 deshalb nicht mehr, welcher Anbieter überhaupt ein solches Konto besitzt. Entscheidend sind Kosten, ETF-Auswahl, Bedienung, steuerliche Abwicklung und die Frage, ob Eltern das Konto langfristig bei diesem Anbieter führen möchten.
Dividenden lassen sich automatisch wieder anlegen
Seit Februar 2026 unterstützt Scalable die automatische Wiederanlage von Dividenden und anderen Ausschüttungen. Statt das Geld auf dem unverzinsten Verrechnungskonto liegen zu lassen, werden damit automatisch neue Anteile des betreffenden Wertpapiers gekauft. Auch Bruchstücke sind möglich.
Die Funktion ist allerdings noch recht grob umgesetzt. Die Einstellung gilt für das gesamte Depot und kann nicht separat für einzelne Aktien oder ETFs aktiviert werden. Außerdem muss das Wertpapier grundsätzlich sparplanfähig sein.
Für langfristige Dividendenstrategien ist die Funktion praktisch. Wer manche Ausschüttungen reinvestieren und andere bewusst auszahlen lassen möchte, muss weiterhin selbst eingreifen.
Die App bleibt der wunde Punkt
Bei Google Play kommt die Scalable-Capital-App insgesamt auf ordentliche 4,3 Sterne. Die hier betrachteten Bewertungen bilden allerdings bewusst nur die Ein-Stern-Seite ab und sind deshalb nicht repräsentativ für alle Nutzer. Auffällig ist trotzdem, wie oft sich dieselben Vorwürfe wiederholen: Kunden berichten von tagelangen Login-Problemen, endlosen Ladebildschirmen, Abstürzen und fehlendem Zugriff gerade dann, wenn an den Märkten viel Bewegung herrscht. Andere kritisieren nicht ausgeführte Sparpläne, verzögerte Dividenden, langsame Auszahlungen und Preisalarme, die zu spät auslösen. Besonders problematisch wirkt der Support: Mehrere Nutzer schildern lange Wartezeiten, schwer erreichbare Hotlines und einen Chatbot, der sie lediglich durch FAQs schickt. Die Antworten von Scalable bleiben darunter häufig allgemein und verweisen erneut an den Kundenservice. Bei einer Banking- und Trading-App wiegen solche Beschwerden schwerer als bei einer gewöhnlichen Einkaufs- oder Wetter-App. Die guten Gesamtbewertungen zeigen, dass die App bei vielen offenbar funktioniert. Die Häufung ähnlicher Ein-Stern-Berichte deutet aber darauf hin, dass Zuverlässigkeit und erreichbarer Support weiterhin die größten Schwachstellen von Scalable Capital sind.
Eine KI beantwortet Finanzfragen in der App
Mit „Insights“ hat Scalable im August 2025 einen KI-Assistenten direkt in den Broker eingebaut. Nutzer können Fragen zu Aktien, Märkten, wirtschaftlichen Ereignissen, Finanznachrichten und zur Bedienung der Plattform stellen.
Die Technik basiert laut Scalable auf Modellen von OpenAI. Als Informationsquellen nutzt das System unter anderem Daten von justETF und Nachrichten von dpa-AFX. Die KI soll Wissen erklären und Informationen aufbereiten, aber keine individuelle Anlageberatung ersetzen.
Das kann für Einsteiger hilfreich sein. Antworten einer KI sollten bei Geldanlage und Steuern trotzdem nie ungeprüft übernommen werden. Gerade aktuelle Kurse, steuerliche Sonderfälle und konkrete Produktbedingungen gehören in die Originalunterlagen.
Kredite bis 250.000 Euro gegen das eigene Depot
Scalable Credit gab es grundsätzlich schon früher. Durch die Banklizenz kann Scalable das Kreditgeschäft nun selbst betreiben.
Das eigene Depot dient dabei als Sicherheit. Je nach Depotwert und Zusammensetzung kann eine Kreditlinie von bis zu 250.000 Euro eingeräumt werden. Aktuell verlangt Scalable einen variablen Sollzins von 3,49 Prozent im PRIME+-Tarif und 4,49 Prozent im kostenlosen Tarif. Die Zinsen werden quartalsweise belastet.
Hier steckt das größte Risiko im gesamten Angebot. Fällt der Wert der hinterlegten Wertpapiere, kann Scalable zusätzliche Sicherheiten oder eine Rückzahlung verlangen. Im ungünstigsten Moment müssen dann Wertpapiere verkauft werden, obwohl deren Kurse gerade gefallen sind. Scalable weist selbst ausdrücklich auf dieses Risiko hin.
Ein Wertpapierkredit ist deshalb kein harmloser Ersatz für einen normalen Ratenkredit. Für kreditfinanzierte Spekulationen eignet er sich erst recht nicht.
Scalable Capital 2026: Deutlich vollständiger, aber auch strategischer
Scalable Capital hat viele der Schwächen beseitigt, die wir 2023 kritisiert haben. Das Angebot ist größer, das Kinderdepot ist gestartet, Ausschüttungen können automatisch reinvestiert werden und nicht investiertes Geld lässt sich auf einem separaten Tagesgeldkonto verzinsen.
Gleichzeitig wird deutlicher, wohin die Entwicklung führt. Scalable möchte nicht nur der Broker sein, über den eine Order ausgeführt wird. Das Unternehmen will auch das Guthaben verwahren, den Kredit vergeben, die Vermögensverwaltung übernehmen und den Handel möglichst über die gemeinsam betriebene European Investor Exchange abwickeln.
Für Kunden kann diese Integration bequem und günstig sein. Sie schafft aber auch Abhängigkeit von einer einzigen Plattform. Besonders bei der Verwahrung von Guthaben, den Änderungen der Handelsgebühren und einem Wertpapierkredit sollte man sich nicht allein auf die übersichtliche App verlassen.
Das Fazit fällt deshalb anders aus als 2023: Scalable Capital ist 2026 kein halbfertiger Neobroker mehr. Die Plattform gehört inzwischen zu den umfangreicheren Angeboten auf dem deutschen Markt. Trotzdem bleibt sie vor allem eine Investmentbank für Privatanleger – und noch keine vollständige Alternative zum eigenen Girokonto.
Hinweis: Zinssätze und Gebühren können sich ändern. Stand dieses Beitrags ist der 18. Juli 2026. Der Artikel stellt keine Anlage-, Steuer- oder Kreditberatung dar.



