TikTok zeigt einigen Teilnehmern des Creator Rewards Program neuerdings zusätzliche Bewertungen für ihre Videos. Auch in einem meiner Accounts. In sozialen Netzwerken wird die Funktion bereits als neues Punktesystem beschrieben, mit dem sich der TikTok-Algorithmus und sogar die Zusammensetzung des RPM besser verstehen ließen. Das klingt spannender, als die Anzeige in der Praxis ist.

Ich habe in meinem eigenen TikTok Studio nachgesehen. Die Bewertungen werden bei mir tatsächlich angezeigt und liefern einen gewissen Informationswert. Eine Erklärung für schwankende Reichweiten oder Einnahmen bekommt man damit allerdings weiterhin nicht.

TikTok zeigt drei Bewertungen pro Video

Die neue Ansicht befindet sich im TikTok Studio innerhalb des Creator Rewards Program. Nach dem Öffnen eines qualifizierten Videos erscheinen Bewertungen für drei Bereiche:

  • kommerzieller Wert
  • Videointeraktion
  • Content-Qualität

TikTok vergibt dabei offenbar keine nachvollziehbare Punktzahl, sondern qualitative Stufen wie „Gut“ oder „Ausgezeichnet“. Die Oberfläche soll Creatorn zeigen, in welchem Bereich ein Video aus Sicht der Plattform besonders stark oder ausbaufähig ist.

Beim kommerziellen Wert geht es vereinfacht darum, welchen wirtschaftlichen Wert der Inhalt für TikTok beziehungsweise für Werbekunden haben könnte. Die Videointeraktion berücksichtigt Leistungsdaten des Videos. Zur Content-Qualität gehören vermutlich die technische Produktion, der Aufbau, die Bearbeitung und der fachliche oder inhaltliche Wert.

Eine genaue Gewichtung zeigt TikTok nicht an. Es bleibt ebenfalls offen, welche einzelnen Messwerte zu einer Bewertung als „Gut“ oder „Ausgezeichnet“ führen.

Wo du die neue TikTok-Bewertung findest

Bei einem freigeschalteten Konto führt der Weg über:

TikTok Studio → Creator Rewards Program → einzelnes Video öffnen

Die Funktion steht damit nur Creatorn zur Verfügung, die am Creator Rewards Program teilnehmen. TikTok verlangt dafür unter anderem ein Mindestalter von 18 Jahren, mindestens 10.000 Follower und 100.000 Videoaufrufe innerhalb der vergangenen 30 Tage. Das Konto muss außerdem die Teilnahmebedingungen erfüllen.

Dass einige Nutzer die Bewertungen bereits sehen und andere noch nicht, dürfte an einer schrittweisen Freischaltung liegen. In den Kommentaren zum Ausgangsvideo berichten manche Creator, dass die Ansicht bei ihnen fehlt. Ein Nutzer schreibt, er habe sie bereits seit Juni gesehen, inzwischen sei sie wieder verschwunden. TikTok hat den aktuellen Rollout der drei Bewertungen bislang nicht ausführlich öffentlich erklärt.

Der TikTok-Algorithmus wurde damit nicht offengelegt

Aus den drei Bewertungen lässt sich nicht ableiten, wie der Empfehlungsalgorithmus ein Video im „Für dich“-Feed verteilt. Das Creator Rewards Program und die organische Reichweitenverteilung hängen zwar zusammen, sind aber keine identischen Systeme.

Die neue Anzeige befindet sich im Monetarisierungsbereich. Sie bewertet deshalb vor allem Eigenschaften, die für die Vergütung eines Videos relevant sein können. Ob und wie stark ein Video anschließend an weitere Nutzer ausgespielt wird, lässt sich daraus nicht zuverlässig ablesen.

Ein Video kann bei allen drei Punkten sehr gut bewertet sein und trotzdem wenig Reichweite erhalten. Umgekehrt kann ein Video mit durchschnittlicher Bewertung stark ausgespielt werden. TikTok verrät weiterhin nicht, wie viel Gewicht einzelne Signale bei der Empfehlung eines konkreten Videos bekommen.

Die Bezeichnung „Punktesystem“ ist zudem etwas irreführend. Sichtbar sind keine Punkte, Prozentwerte oder Berechnungsfaktoren. TikTok liefert zusammengefasste Bewertungen, deren Entstehung von außen nicht überprüfbar ist.

„Ausgezeichnet“ garantiert keinen hohen RPM

Besonders deutlich wird die Begrenzung der neuen Anzeige beim RPM. Der RPM beschreibt die durchschnittliche Belohnung pro 1.000 qualifizierte Aufrufe. Er kann zwischen einzelnen Videos stark schwanken.

In den Kommentaren berichten mehrere Creator, dass sie in allen Bereichen mit „Ausgezeichnet“ bewertet wurden und trotzdem nur einen niedrigen RPM erhielten. Ein Nutzer nennt einen Wert von 0,30 Euro. Ein anderer schreibt, sein RPM sei trotz ausgezeichneter Content-Qualität und ausgezeichnetem kommerziellen Wert von zuvor 1 bis 2 Euro auf 0,14 Euro gefallen.

Solche Kommentare sind keine systematische Untersuchung. Sie zeigen jedoch, dass die drei Bewertungen allein den RPM nicht erklären. Ähnliche Berichte finden sich auch in internationalen Creator-Foren. Dort beschreiben Nutzer Videos mit vergleichbarer Machart, die teilweise zusätzliche Belohnungen erhalten und teilweise leer ausgehen. Einige beobachten sogar höhere RPM-Werte bei Videos, die insgesamt schwächer gelaufen sind.

TikTok selbst nennt für die RPM-Berechnung weitere Faktoren. Dazu gehören die durchschnittliche Wiedergabedauer, die Abschlussrate, der Suchwert eines Videos, der Standort der Zuschauer, die Interaktion und der Werbewert der erreichten Zielgruppe.

Damit kann ein inhaltlich gutes Video wirtschaftlich weniger wertvoll sein, wenn es überwiegend in Regionen mit geringerer Werbenachfrage angesehen wird. Auch die Zusammensetzung der qualifizierten Aufrufe spielt eine Rolle.

Nicht jeder Aufruf wird vergütet

Bei der Bewertung der Einnahmen muss außerdem zwischen normalen und qualifizierten Aufrufen unterschieden werden. TikTok berücksichtigt im Creator Rewards Program nur eindeutige Aufrufe über den „Für dich“-Feed.

Ausgeschlossen werden unter anderem künstliche oder bezahlte Aufrufe, Aufrufe aus Werbekampagnen und Wiedergaben von weniger als fünf Sekunden. Ein Video muss zunächst mindestens 1.000 qualifizierte Aufrufe erreichen, bevor es Einnahmen generiert.

Ein Video mit vielen sichtbaren Aufrufen kann dadurch deutlich weniger vergütungsfähige Aufrufe besitzen. Auch diese Differenz wird durch eine Bewertung wie „Ausgezeichnet“ nicht erklärt.

Likes und Kommentare zählen weiterhin

Im Ausgangsvideo wird vermutet, dass Likes und Kommentare bei der Bewertung der Videointeraktion keine Rolle spielten. Dafür gibt es bislang keinen belastbaren Hinweis.

TikTok erklärt das Creator Rewards Program offiziell anhand von vier Bereichen: Originalität, Länge beziehungsweise Wiedergabedauer, Auffindbarkeit und Interaktionsrate. Zur Interaktionsrate gehören laut TikTok ausdrücklich Likes, Kommentare und geteilte Inhalte.

Welche Signale genau in die neu angezeigte Kategorie „Videointeraktion“ einfließen, bleibt offen. Es wäre jedoch falsch, aus der Oberfläche abzuleiten, dass Likes und Kommentare für die Vergütung generell bedeutungslos geworden sind.

Die durchschnittliche Wiedergabedauer und die Abschlussrate dürften weiterhin besonders wichtig sein. TikTok betont selbst, dass sowohl die gesamte Wiedergabezeit als auch der Anteil vollständig angesehener Videos berücksichtigt werden.

Content-Qualität bleibt eine automatische Einschätzung

Die Bewertung der Content-Qualität klingt zunächst konkret, wirft aber ähnliche Fragen auf. Zwei Videos können mit derselben Kamera, demselben Schnittstil und einem vergleichbaren Aufbau produziert worden sein und trotzdem unterschiedliche Bewertungen erhalten.

TikTok bewertet an anderer Stelle kommerzielle Creator-Inhalte bereits anhand von Kriterien wie Bild- und Tonqualität, Authentizität, Informationswert, Bearbeitung und Storytelling. Dabei wird auch darauf geachtet, ob ein Video schnell Aufmerksamkeit erzeugt und ein Produkt verständlich präsentiert. Diese Kriterien beziehen sich zwar auf kommerzielle Inhalte im TikTok Creator Marketplace und dürfen daher nicht direkt mit dem Creator Rewards Program gleichgesetzt werden. Sie zeigen jedoch, wie breit TikTok den Begriff Content-Qualität auslegt.

Eine technisch saubere Aufnahme allein reicht entsprechend nicht aus. Das System kann auch Thema, Struktur, Spezialisierung und wahrgenommenen Mehrwert einbeziehen. Wie zuverlässig diese automatische Bewertung arbeitet, lässt sich anhand eines einzelnen Kontos kaum beurteilen.

Der Informationswert entsteht erst im Vergleich mehrerer Videos

Die neue Anzeige kann trotzdem nützlich werden. Ein einzelnes „Gut“ oder „Ausgezeichnet“ sagt wenig aus. Interessanter wird die Funktion, wenn ein Creator mehrere Videos auswertet und wiederkehrende Unterschiede erkennt.

Sinkt die Bewertung der Videointeraktion regelmäßig bei langen Einleitungen, kann das auf Probleme mit der Zuschauerbindung hindeuten. Erhalten stärker bearbeitete Videos wiederholt eine bessere Content-Bewertung, spricht das für einen erkennbaren Zusammenhang. Ähnliches gilt für Themen, die beim kommerziellen Wert besser abschneiden.

Dafür müssen die Bewertungen über mehrere Wochen einigermaßen konsistent bleiben. Momentan berichten Nutzer noch von fehlenden Anzeigen, wechselnden Einstufungen und Bewertungen, die nicht zu ihren Einnahmen passen.

Hilfreiches Dashboard-Update ohne klare RPM-Formel

TikTok liefert mit den drei Bewertungen zusätzliche Rückmeldung zu einzelnen Videos. Für Creator ist das besser als eine reine Einnahmenanzeige ohne jede Einordnung. Bei meinem eigenen Konto ist die Funktion sichtbar und grundsätzlich verständlich aufgebaut.

Der praktische Nutzen bleibt begrenzt. Die Bewertungen erklären weder die genaue Ausspielung eines Videos noch die konkrete Höhe des RPM. TikTok veröffentlicht keine Gewichtung und zeigt nicht, wie stark einzelne Faktoren die Auszahlung beeinflussen.

Wer bei „kommerzieller Wert“, „Videointeraktion“ und „Content-Qualität“ überall ein „Ausgezeichnet“ sieht, hat daher noch keine Garantie auf hohe Reichweite oder gute Einnahmen. Die Anzeige eignet sich als ergänzender Hinweis im TikTok Studio. Den Algorithmus hat TikTok damit weiterhin nicht entschlüsselt.

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