Wer in Deutschland regelmäßig Videos über Outdoor-Abenteuer und Lost Places schaut, kennt wahrscheinlich Fritz Meinecke. Bei Roofless TV sieht das anders aus. Der österreichische Kanal kommt inzwischen auf rund 532.000 Abonnenten und mehr als 96 Millionen Aufrufe, taucht in deutschen Medien aber erstaunlich selten auf. Eine repräsentative Messung der Bekanntheit gibt es nicht. Die dünne Pressespur erklärt jedoch, warum Domi und Fredo trotz ihrer hohen Abrufzahlen noch wie eine Entdeckung wirken können.

Ich habe mir selbst einige Clips und längere Videos angesehen. Hängen geblieben bin ich wegen der Mischung aus körperlichem Können, ziemlich waghalsigen Aktionen und einem Humor, der sich erst nach einigen Folgen vollständig erschließt. Dazu gehören Übersetzungsprobleme, improvisierte Absprachen und jene angeblich vorhandene „Jenehmigung“, die vor Ort gern weniger eindeutig ausfällt als erwartet.

Domi und Fredo kennen sich aus der Wiener Parkour-Szene

Hinter Roofless TV stehen Dominik „Domi“ Fichtenbauer und Frederik „Fredo“ Baschant. Die ausführlichste öffentlich auffindbare Quelle über ihre Anfänge ist ein Interview, das das Wiener Magazin Warda im April 2023 mit beiden führte.

Dort erzählen sie, dass sie ungefähr im Alter von 13 Jahren mit Parkour begonnen haben. Kennengelernt haben sie sich beim Training in Wien. Eine wichtige Rolle spielte die damalige CAM-Vienna-Halle bei Schönbrunn, in der Jugendliche Parkour und andere Formen der Akrobatik trainieren konnten. Nach einem weiteren Treffen an einem Parkour-Spot tauschten sie Nummern aus und trainierten fortan regelmäßig zusammen. Zum Zeitpunkt des Interviews kannten sie sich bereits seit mehr als zehn Jahren.

Aus dem gemeinsamen Training entstand später der Plan, mit Parkour-Videos Geld zu verdienen. Als Vorbild dienten ihnen befreundete Sportler aus England, die bereits mit einem größeren YouTube-Kanal erfolgreich waren. Roofless TV begann mit kurzen Videos aus der Ego-Perspektive. Es folgten Parkour-Vlogs und inszenierte Verfolgungsjagden.

Diese frühe Phase ist auf dem Kanal weiterhin sichtbar. Das 2021 veröffentlichte Video „Halloween Horror Chase – Parkour POV vs Momo“ erreicht inzwischen rund 2,6 Millionen Aufrufe und gehört weiterhin zu den erfolgreichsten Uploads. Die heutigen Videos sehen allerdings deutlich anders aus.

Aus Parkour-Videos wurden internationale Urbex-Expeditionen

Urban Exploring war laut dem Warda-Interview schon früh Teil ihrer Touren. Beim Parkour suchten Domi und Fredo ständig nach geeigneten Orten und landeten dabei auch in verlassenen Fabriken oder anderen ungenutzten Gebäuden. Für die Videoproduktion war das praktisch: Nach mehreren anstrengenden Trainingstagen konnten sie neue Orte erkunden, während sich der Körper vom Parkour erholte.

Inzwischen prägt Urban Exploring den Kanal. Die meisten aktuellen Folgen dauern zwischen 30 und 40 Minuten. Domi und Fredo erkunden Bunker, Bergwerke, Schiffe, Tunnelanlagen und unterirdische Grabstätten. Viele Drehorte liegen weit außerhalb Österreichs. Zu den bereisten Ländern gehören unter anderem Frankreich, Brasilien, Mexiko, Armenien, Kroatien und Ägypten.

Die Parkour-Erfahrung bleibt dabei sichtbar. Mauern, Rohre, schmale Vorsprünge und steile Schächte sind für sie mögliche Wege durch einen Ort. Bei neueren Touren kommen häufig Schlauchboote, Seile, Enterhaken und Messgeräte hinzu. Dadurch unterscheiden sich die Videos von klassischen Lost-Place-Rundgängen, bei denen hauptsächlich durch leere Gebäude gelaufen wird.

Die Aufrufzahlen sind größer als die bisherige Medienpräsenz

Laut den öffentlich sichtbaren YouTube-Kanalangaben hatte Roofless TV Ende Juli 2026 rund 532.000 Abonnenten, 250 Videos und etwa 96,2 Millionen Aufrufe. Der Kanal wurde am 13. Januar 2020 eröffnet. Ältere Statistikseiten wie Social Blade oder Youtubers.me können bei den aktuellen Zahlen hinterherhinken, bestätigen aber das starke Wachstum der vergangenen Jahre.

Mehrere Videos haben die Marke von einer Million Aufrufen überschritten. Dazu gehören Touren durch Gänge bei den Pyramiden von Gizeh, ein verlassenes Mega-Schiff, eine Bunkerfestung in den Bergen und verschiedene Anlagen aus dem Zweiten Weltkrieg. Auch neue Uploads kommen häufig innerhalb weniger Wochen auf mehrere Hunderttausend Abrufe.

Außerhalb von YouTube ist Roofless TV bisher nur vereinzelt ausführlicher vorgestellt worden. Neben dem Warda-Interview findet sich ein Video des Kanals Flo explores!, das die Entwicklung von den frühen Parkour-Aufnahmen bis zu den Lost-Place-Touren zusammenfasst. BLICK.de griff im Juli 2025 eine Ägypten-Folge auf und stellte Domi und Fredo am Ende des Beitrags kurz vor. Der Artikel stützt sich im Wesentlichen auf das YouTube-Video und liefert keine zusätzliche archäologische Einordnung.

Weitere umfangreiche Porträts in größeren deutschsprachigen Medien sind bei der Recherche kaum aufgetaucht. Damit bleibt der Vergleich mit Fritz Meinecke eine Einschätzung. Roofless TV besitzt bereits eine beachtliche Reichweite, hat bislang aber kein Format hervorgebracht, das ähnlich wie „7 vs. Wild“ weit über die ursprüngliche YouTube-Zielgruppe hinaus bekannt wurde.

Die „Jenehmigung“ gehört zum Humor des Kanals

Bei internationalen Expeditionen müssen Domi und Fredo Fahrer, Boote, Begleiter und Zugänge organisieren. Nicht jede Absprache funktioniert vor Ort so, wie sie vorher verstanden wurde. Sprachbarrieren und Übersetzungsprogramme sorgen zusätzlich für Verwirrung.

Aus solchen Situationen hat sich in den Videos ein wiederkehrender Witz um die „Jenehmigung“ entwickelt. Der Begriff sollte nicht als Beleg dafür verstanden werden, dass die beiden grundsätzlich ohne Erlaubnis drehen. Häufig sprechen sie ausdrücklich über Genehmigungen oder Kontakte vor Ort. Wie belastbar eine solche Zusage ist und welchen Bereich sie tatsächlich umfasst, bleibt für Zuschauer gelegentlich schwer nachvollziehbar.

Bei der 2025 veröffentlichten Gizeh-Tour berichtete auch BLICK.de über eine vorhandene Drehgenehmigung, deren praktische Umsetzung laut Darstellung der YouTuber anders verlief als vereinbart. Das belegt zumindest, dass Absprachen über Zugänge ein realer Bestandteil der Reisen sind. Der genaue Ursprung des „Jenehmigung“-Insiders lässt sich aus den verfügbaren Quellen allerdings nicht verlässlich rekonstruieren. Er fällt vor allem beim längeren Anschauen des Kanals auf.

Der Humor lebt außerdem von der Dynamik zwischen Domi und Fredo. Sie kommentieren die Entscheidungen des anderen, streiten kurz über Ausrüstung und ziehen eine schlechte Idee gern noch ein Stück weiter durch. Einige Ausschnitte wirken entsprechend laut. In vollständigen Folgen wird deutlicher, dass viele Sprüche aus gemeinsamen Erfahrungen und wiederkehrenden Situationen entstehen.

Die Titel übertreiben stärker als die eigentlichen Videos

Roofless TV verpackt seine Videos nach den bekannten Regeln von YouTube. Großbuchstaben, Totenköpfe und Formulierungen wie „geht schief“, „wir müssen flüchten“ oder „Schock unseres Lebens“ gehören fast zur Grundausstattung. Manche Titel versprechen eine größere Eskalation, als später tatsächlich zu sehen ist.

Die Drehorte tragen die Videos trotzdem. Eine Fahrt zu einem verlassenen Schiff oder der Abstieg in ein Bergwerk liefert auch ohne zusätzliche Zuspitzung genügend Material. Drohnenaufnahmen und verschiedene Kameraperspektiven vermitteln die Größe der Anlagen. Karten und kurze historische Erklärungen helfen gelegentlich bei der Einordnung.

Bei spektakulären Funden sollte man vorsichtiger sein. Roofless TV veröffentlichte beispielsweise Videos über menschliche Überreste bei Gizeh und über angebliche Mumien in der ägyptischen Wüste. BLICK.de griff den ersten Fund auf, übernahm dabei aber weitgehend die Darstellung aus dem Video. Eine unabhängige archäologische Bestätigung der Einordnung war bei der Recherche nicht auffindbar. Solche Szenen können echt gefilmt sein, während Alter, Herkunft und Bedeutung der Funde weiterhin ungeklärt bleiben.

Roofless TV produziert damit Abenteuer-Unterhaltung und keine archäologische Dokumentation. Wer die Videos so betrachtet, bekommt aufwendige Expeditionen mit ungewöhnlichen Aufnahmen. Für belastbare historische Aussagen reichen die Informationen in den Folgen oft nicht aus.

Das Risiko reicht weit über Parkour hinaus

Domi und Fredo verfügen über langjährige Parkour-Erfahrung. Im Warda-Interview erklären sie, dass sie Sprünge selbst einschätzen und schwere Verletzungen durch kontrolliertes Training vermeiden wollen. Abschürfungen kämen häufiger vor, ernsthafte Verletzungen dagegen selten.

Bei den heutigen Expeditionen entstehen zusätzliche Risiken. In verlassenen Anlagen können Böden einbrechen, Schächte übersehen werden oder gefährliche Stoffe auftreten. In Bergwerken kommen schlechte Luft und mögliche Strahlenbelastungen hinzu. Fahrten auf offenem Wasser hängen außerdem von Wetter, Strömung und der eingesetzten Ausrüstung ab.

Gaswarngeräte, Helme und Seile sind in verschiedenen Videos zu sehen. Sie verringern einzelne Gefahren, machen eine unbekannte Anlage aber nicht automatisch sicher. Einige Aktionen bleiben schwer nachvollziehbar, besonders bei sehr engen Tunneln, langen unterirdischen Touren und improvisierten Bootsfahrten.

Genau dieser Wagemut gehört zum Reiz des Kanals. Er ist zugleich der Punkt, an dem Roofless TV am stärksten polarisiert. In Lost-Place-Foren und auf Reddit wird regelmäßig darüber diskutiert, ob bestimmte Orte überhaupt verlassen sind und ob Videos sensible Standorte zu deutlich zeigen. Solche Beiträge sind keine verlässlichen Quellen für konkrete Vorwürfe, zeigen aber, dass die Touren auch innerhalb der Urbex-Szene kritisch gesehen werden.

Roofless TV ist mehr als ein kleiner Geheimtipp

Mit mehr als einer halben Million Abonnenten passt die Bezeichnung Geheimtipp eigentlich nicht mehr. Im breiteren deutschen Publikum kann sich der Kanal trotzdem noch so anfühlen. Domi und Fredo wurden bisher selten außerhalb ihrer eigenen Szene porträtiert, während ihre Videos längst Abrufzahlen erreichen, die viele etablierte YouTuber nicht mehr regelmäßig schaffen.

Für den Einstieg eignen sich die Expedition bei den Pyramiden von Gizeh, die Tour auf das verlassene Mega-Schiff und der Abstieg in den Schacht unter einem Stausee. Diese Folgen zeigen recht gut, was Roofless TV ausmacht: körperlich anspruchsvolle Zugänge, ungewöhnliche Orte, fragwürdige Entscheidungen und eine „Jenehmigung“, über deren genauen Umfang besser niemand zu lange nachfragt.

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