Neulich in Reinickendorf: Erst stolpert man über merkwürdige Krypto-Schmierereien, dann liegt wenig später ein Leihrad der Deutschen Bahn im Gebüsch. Auf dem silber-roten Rahmen steht groß „Call a Bike“, daneben die etwas optimistische Aufforderung, einfach die App zu laden, einen QR-Code zu scannen und loszufahren. Auf dem roten Schild am Fahrrad prangt zudem der Spruch „Eat, sleep, bike.“ Nun ja: Mit dem „sleep“-Teil hatte dieses Exemplar offenbar schon angefangen.
Das Rad mit der gut sichtbaren Nummer 0368 lag zwischen Gras und Sträuchern und sah jedenfalls nicht so aus, als würde es dort regulär auf seinen nächsten Nutzer warten. Wie es dorthin gekommen ist, lässt sich anhand des Fundes natürlich nicht sagen. Interessanter fand ich ohnehin eine andere Frage: Call a Bike – gibt es das eigentlich immer noch? Und wie steht es 2026 um die dazugehörige App?
Die Antwort fiel besser aus, als ich erwartet hatte.
Call a Bike ist keineswegs ein vergessenes Bahn-Projekt
DB Call a Bike ist weiterhin das Bikesharing-Angebot der Deutschen Bahn. Die Idee ist unverändert simpel: App installieren, registrieren, ein verfügbares Fahrrad auf der Karte suchen, QR-Code scannen und das Rad entsperren. In Berlin wirbt Call a Bike aktuell mit mehr als 540 Stationen innerhalb des Berliner Rings. Die Räder stehen rund um die Uhr zur Verfügung und über einen Account lassen sich bis zu vier Fahrräder gleichzeitig ausleihen.
Dabei handelt es sich keineswegs um eine App, die irgendwann einmal entwickelt und anschließend vergessen wurde. In Google Play ist als letztes Update der 9. Juli 2026 angegeben. Zuletzt wurde unter anderem eine neue Kartenansicht auf Basis von OpenStreetMap ergänzt, der Fahrtpreis wird unmittelbar nach einer Fahrt angezeigt und bei Problemen mit dem Schloss gibt es zusätzliche Hilfe direkt während einer laufenden Ausleihe.
Auch die Store-Zahlen überraschen. Die Android-App kommt aktuell auf 4,4 von fünf Sternen bei rund 3.760 Rezensionen und mehr als 500.000 Downloads. Das ist für eine Mobilitäts-App durchaus ordentlich und ein deutlich anderes Bild, als man bei einem alten DB-Leihrad erwarten könnte, das gerade im Reinickendorfer Gebüsch liegt.
Die App steht gut da – Probleme gibt es trotzdem
Eine Durchschnittsbewertung von 4,4 Sternen bedeutet natürlich nicht, dass alles perfekt funktioniert. Gerade bei einer App wie Call a Bike sind Fehler besonders unangenehm, weil Software und physische Infrastruktur unmittelbar zusammenhängen. Wenn die Karte einmal nicht lädt oder ein Button hängt, ist das eben nicht nur ein kleiner App-Bug: Im ungünstigsten Fall steht man neben einem Fahrrad, das man nicht ausleihen oder nach einer Fahrt nicht korrekt zurückgeben kann.
Auch unter den neueren Rezensionen finden sich entsprechende Erfahrungen. Ein Nutzer berichtet beispielsweise von Problemen bei der Registrierung und der Bestätigung über seine Banking-App. Einen Tag später habe die Registrierung dann funktioniert und die App sei anschließend einigermaßen gut nutzbar gewesen. Andere Nutzer kritisieren Änderungen bei Stationen oder Schwierigkeiten beim Verriegeln beziehungsweise bei der Rückgabe von Rädern.
Bemerkenswert ist allerdings, dass sich einige der jüngsten App-Änderungen genau mit diesen Problemen beschäftigen. Die DB hat Hilfen für nicht reagierende Schlösser ergänzt, die Kartenansicht überarbeitet und zeigt den Fahrtpreis inzwischen direkt nach der Rückgabe an. Das wirkt weniger nach einem Produkt im Abwicklungsmodus als nach einem Dienst, an dem weiterhin gearbeitet wird.
So günstig ist Call a Bike aktuell
Auch das Preismodell ist überschaubar geblieben. Im Starter-Tarif gibt es keine Grundgebühr. Eine Fahrt kostet aktuell 12 Cent pro Minute plus einen Euro Freischaltgebühr, maximal werden 13 Euro pro Fahrt und Tag berechnet. Der Member-Tarif kostet zehn Euro pro Jahr, reduziert den Minutenpreis auf zehn Cent und verzichtet auf die Freischaltgebühr. Für acht Euro monatlich gibt es außerdem „Member Plus“ mit 30 Freiminuten pro Fahrt.
Das kann gerade für kurze Wege interessant sein: aus dem Zug steigen, noch zwei oder drei Kilometer mit dem Fahrrad weiterfahren und das Rad anschließend wieder abstellen. Genau dort liegt allerdings auch einer der Punkte, bei denen Nutzer die Regeln kennen sollten.
Einfach irgendwo abstellen kann teuer werden
Call a Bike arbeitet mit Stationen beziehungsweise virtuellen Rückgabezonen, die in der App auf der Karte angezeigt werden. Nur dort ist die Rückgabe kostenlos. Wer ein Rad außerhalb einer Station, aber noch innerhalb des Stadtgebiets zurückgibt, zahlt derzeit 10 Euro zusätzlich. Außerhalb des Stadtgebiets sind es 25 Euro.
Hinzu kommen Servicegebühren bei falschem Abstellen. Für ein Rad auf einer nicht öffentlich oder schwer zugänglichen Fläche – ausdrücklich genannt werden unter anderem Hinterhöfe, Keller und Grünanlagen – können weitere 25 Euro berechnet werden. Wer ein Fahrrad schuldhaft unverschlossen zurücklässt, riskiert sogar eine Servicegebühr von 50 Euro.
Dabei versucht Call a Bike inzwischen, Fehlbedienungen abzufangen. Wird eine Miete außerhalb einer Station beendet, informiert das System den Nutzer laut DB in der App und zusätzlich per SMS. Die Fahrt wird zunächst automatisch pausiert und man hat anschließend 24 Stunden Zeit, das Fahrrad doch noch zu einer Station zu bringen oder die kostenpflichtige Rückgabe bewusst zu bestätigen.
Das ist sinnvoll, denn bei einem stationsbasierten System muss die App nicht nur erklären, wo ein Fahrrad steht, sondern ebenso eindeutig zeigen, wo es anschließend wieder stehen darf.
Und was macht man mit einem Call-a-Bike im Gebüsch?
Hier wird mein Fund beinahe zum Musterbeispiel für die Call-a-Bike-Hilfe. Die Deutsche Bahn hat tatsächlich eine eigene Antwort für genau diesen Fall. Auf der Support-Seite heißt es, dass Räder beispielsweise durch Vandalismus verlorengehen können. Wer ein Call-a-Bike in einer Parkverbotszone, „im Graben, Busch oder an anderer unüblicher Stelle“ entdeckt, soll das Fahrrad über die App unter „Schaden“ oder über das entsprechende Meldeformular melden. Anschließend kann das Serviceteam es einsammeln, gegebenenfalls reparieren und wieder in den Betrieb bringen.
Man muss das Rad also nicht selbst aus dem Gebüsch ziehen und zur nächsten Station schieben. Eine Meldung genügt. Dass auf meinem Fundstück die Nummer 0368 gut lesbar ist, dürfte die Zuordnung zusätzlich erleichtern.
Ein erstaunlich lebendiges Stück Bahn-Digitalisierung
Nach dem Blick auf App und Angebot bleibt deshalb ein etwas anderes Fazit, als es das Foto zunächst nahelegt. Call a Bike lebt. Die App wird 2026 weiterentwickelt, steht bei Android inzwischen bei starken 4,4 Sternen und das Angebot umfasst allein in Berlin mehr als 540 Stationen.
Natürlich gibt es weiterhin Kritik. Registrierung, Standorterkennung, Rückgabe und vor allem die Verbindung zwischen App und Fahrradschloss sind genau jene Stellen, an denen ein Bikesharing-Dienst zuverlässig funktionieren muss. Die aktuellen Rezensionen zeigen, dass dort auch 2026 noch nicht jede Fahrt problemlos verläuft. Gleichzeitig reagiert die Entwicklung sichtbar auf einige dieser Schwachstellen.
Das Fahrrad im Reinickendorfer Gebüsch ist deshalb kein besonders guter Beweis dafür, dass Call a Bike nicht funktioniert. Vielleicht beweist es eher das Gegenteil: Das System ist groß genug, dass eben auch mal ein Rad verschwindet, falsch abgestellt oder irgendwo hingeworfen wird – und selbst dafür existiert inzwischen ein digitaler Prozess.
Und irgendwie passt das zu einer App, deren Aufgabe am Ende ziemlich bodenständig ist: Rad finden, QR-Code scannen, fahren und hoffentlich nicht im Busch abstellen.


