Neulich lief ich durch Reinickendorf und stolperte über eine dieser Schmierereien, die man normalerweise einfach ignoriert. Nur diese hier tauchte gleich mehrfach auf: „BUY WORLD COIN 2030“.

Mein erster Gedanke beim Vorbeigehen: Wolf Coin? Wenn schon Tier-Coin, dann bitte Fuchs. Aber nein – bei genauerem Hinsehen stand dort tatsächlich World Coin. Und da klingelte etwas. Worldcoin, war das nicht dieses Krypto-Projekt von Sam Altman, dem Mann hinter ChatGPT und Mitgründer von OpenAI? Also habe ich Chatty gefragt, was daraus eigentlich geworden ist.

Die kurze Antwort war überraschend: Das Projekt gibt es noch – und die Idee dahinter wirkt heute sogar sinnvoller als zu seinem Start. Denn Worldcoin, inzwischen schlicht World genannt, will längst nicht nur irgendeine Kryptowährung sein. Im Kern geht es um eine Frage, die durch den Siegeszug künstlicher Intelligenz plötzlich ziemlich konkret geworden ist: Wie können wir im Internet künftig noch nachweisen, dass hinter einem Account tatsächlich ein Mensch steckt?

Worldcoin heißt inzwischen World

Worldcoin entstand aus einem Projekt von Alex Blania und Sam Altman. Hinter einem wesentlichen Teil der Entwicklung steht das Unternehmen Tools for Humanity, das Blania als CEO führt; Altman ist Chairman. 2024 wurde das Projekt umbenannt: Aus Worldcoin wurde World beziehungsweise World Network. Der Kryptowährungs-Token trägt weiterhin das Kürzel WLD.

Die Umbenennung passt durchaus zur Entwicklung des Projekts. Der Coin ist heute nur noch ein Bestandteil eines größeren Systems. Dazu gehören die World App, eine eigene Blockchain namens World Chain und vor allem die World ID. Sie soll eines Tages ermöglichen, im Internet nachzuweisen, dass hinter einem Account ein realer und einzigartiger Mensch steht – ohne dafür zwingend Namen, Adresse oder andere persönliche Angaben weiterzugeben.

Der Orb: Iris-Scan für die digitale Identität

Bekannt wurde World vor allem durch den sogenannten Orb. Das ist jene auffällige silberne Kugel, vor die man sich stellt und die unter anderem die Iris erfasst. Daraus soll ein Nachweis entstehen, dass man eine reale Person ist und sich nicht bereits mehrfach im System registriert hat.

Das klang beim Start ziemlich futuristisch und für viele wohl auch etwas unheimlich: Man lässt seine Augen scannen und bekommt dafür eine digitale Identität – und ursprünglich spielte auch der Krypto-Token bei der Vermarktung eine große Rolle. Hinter der Technik steckt allerdings ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke. Die World ID soll nicht primär verraten, wer jemand ist. Sie soll zunächst nur bestätigen können, dass jemand ein Mensch ist und nicht einfach einer von tausenden automatisiert erzeugten Accounts.

Als Worldcoin startete, war die naheliegende Gegenfrage noch: Wozu braucht man das überhaupt? Einige Jahre später fällt die Antwort leichter.

Wenn das Internet nicht mehr nur aus Menschen besteht

Bots gibt es natürlich schon lange. Mit generativer KI und zunehmend selbstständig handelnden KI-Agenten verändert sich ihre Rolle aber erheblich. Programme können Texte schreiben, Bilder und Videos erzeugen, Webseiten bedienen, Gespräche führen und in Zukunft immer mehr Aufgaben eigenständig erledigen.

Damit entsteht ein grundsätzliches Problem. Datingplattformen müssen mit künstlichen Profilen umgehen, Ticketshops mit automatisierten Käufern, soziale Netzwerke mit massenhaft erzeugten Accounts. Bei Abstimmungen, Bewertungen oder Kommentaren kann entscheidend werden, ob tatsächlich hundert verschiedene Menschen beteiligt sind oder nur ein Betreiber mit hundert Bots. Auch bei Videokonferenzen und digitalen Vertragsabschlüssen wird die Frage wichtiger, ob hinter einer Handlung tatsächlich noch ein Mensch steht.

Genau dort versucht World inzwischen anzusetzen. Die World ID soll als eine Art technischer Nachweis dienen, dass hinter einer digitalen Handlung eine reale Person steht, ohne dass dafür jedes Mal ein klassischer Identitätsnachweis offengelegt werden muss.

Tinder, Zoom und Docusign zeigen die Richtung

Dass diese Idee nicht mehr ausschließlich theoretisch ist, zeigen verschiedene Kooperationen. World hat seine World-ID-Technik unter anderem für Anwendungen bei Tinder, Zoom und Docusign vorgestellt. Bei Tinder kann eine zusätzliche Verifikation helfen, echte Personen von Fake-Profilen zu unterscheiden. Bei Zoom geht es unter anderem um die Frage, wie reale Teilnehmer gegenüber künstlich erzeugten Identitäten oder Deepfakes bestätigt werden können. Docusign beschäftigt sich wiederum mit der Möglichkeit, digitale Vorgänge mit dem Nachweis zu verbinden, dass tatsächlich ein Mensch beteiligt war.

Interessant wird die Sache auch bei KI-Agenten. Eine KI muss natürlich nicht so tun, als sei sie ein Mensch. Denkbar ist aber ein System, bei dem sie nachweisen kann, dass ein verifizierter Mensch hinter ihr steht oder eine bestimmte Aktion autorisiert hat. Wenn KI künftig selbstständig einkauft, Termine vereinbart, Verträge vorbereitet oder andere Dienste im Netz nutzt, könnte genau diese Verbindung zwischen Mensch und Maschine relevant werden.

World meldete 2026 bereits Millionen verifizierter Nutzer. Von einer weltweiten digitalen Identität ist das Projekt damit noch weit entfernt. Es ist aber auch kein kleines Kryptoexperiment mehr.

Deutschland spielt bei World eine besondere Rolle

World hat zudem einen starken Deutschland-Bezug. Alex Blania stammt aus Deutschland, Tools for Humanity verfügt über einen Standort in München und dort wurde 2026 auch ein eigener World-Flagship-Standort eröffnet. Gleichzeitig war Deutschland einer der wichtigsten Schauplätze der Datenschutzdiskussion rund um das Projekt.

Das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht beschäftigte sich über längere Zeit intensiv mit Worldcoin. Dabei ging es unter anderem um Löschmöglichkeiten, Einwilligungen und die Verarbeitung biometrischer Daten. Genau hier liegt weiterhin einer der kritischsten Punkte des gesamten Konzepts: Eine Iris gehört zu den sensibelsten biometrischen Merkmalen eines Menschen. Ein Passwort kann man nach einem Datenleck ändern, seine Augen nicht.

World betont deshalb, dass die World ID so funktionieren soll, dass Dienste lediglich den benötigten Nachweis erhalten und nicht automatisch die zugrunde liegenden biometrischen Informationen. Ob Nutzer und Datenschutzbehörden diesem Modell langfristig genügend Vertrauen entgegenbringen, dürfte trotzdem entscheidend dafür sein, ob sich die Technik tatsächlich im großen Maßstab durchsetzen kann.

Und was wurde aus der eigentlichen Coin?

Damit zurück zur Schmiererei auf dem Reinickendorfer Asphalt. Denn dort stand schließlich nicht „GET A WORLD ID“, sondern „BUY WORLD COIN 2030“.

Der Token WLD existiert weiterhin und wird an Kryptobörsen gehandelt. Vom großen Hype früherer Jahre ist beim Kurs allerdings wenig übrig. WLD notiert 2026 nur noch bei einem Bruchteil seines bisherigen Höchststands. Wer während der Hochphase eingestiegen ist und einfach gehalten hat, dürfte mit seiner Investition bislang wenig Freude gehabt haben.

Dazu kommt die Token-Ökonomie. Insgesamt ist eine sehr große Menge WLD vorgesehen, von der nur ein Teil bereits im Umlauf ist. Weitere Token werden schrittweise freigeschaltet. Für Anleger ist das relevant, weil zusätzliche Coins das Angebot erhöhen können und damit ein Faktor für die langfristige Kursentwicklung sind.

Vor allem zeigt die Entwicklung aber etwas, das bei Kryptowährungen gern vermischt wird: Ein interessantes Projekt macht noch keinen guten Coin. World ID könnte sich technisch als sinnvoll erweisen, ohne dass WLD deshalb automatisch stark im Wert steigt. Umgekehrt kann ein Token spekulativ steigen, ohne dass die dahinterstehende Technologie jemals zum Standard wird.

Die spannendere Frage ist nicht der Kurs

Nach der Recherche finde ich deshalb nicht den Coin selbst am interessantesten, sondern die ursprüngliche Frage hinter dem Projekt. Was passiert mit einem Internet, in dem Menschen und Maschinen irgendwann kaum noch voneinander zu unterscheiden sind?

Bots kaufen Tickets, KI-Agenten benutzen Webseiten, Deepfakes werden besser und Datingplattformen kämpfen mit falschen Identitäten. Unternehmen müssen zunehmend klären, ob bei einem digitalen Vorgang tatsächlich noch ein Mensch beteiligt war. Vor diesem Hintergrund klingt die Vorstellung eines digitalen Nachweises, der lediglich bestätigt, dass hinter einem Account ein echter Mensch steckt, plötzlich gar nicht mehr so absurd.

Ob dafür ausgerechnet World und seine Orbs die richtige Lösung sind, bleibt offen. Datenschutz, Vertrauen, Dezentralisierung und die starke Abhängigkeit von biometrischer Verifizierung sind gewichtige Fragen. Trotzdem wäre es zu einfach, Worldcoin 2026 nur als gescheiterten Altcoin abzuschreiben. Das Projekt hat sich weiterentwickelt und beschäftigt sich inzwischen mit einem Problem, das durch den KI-Boom deutlich realer geworden ist.

Damit hat die Schmiererei in Reinickendorf zumindest eines erreicht: Ich habe nachgesehen, was aus Worldcoin eigentlich geworden ist. Und die Antwort ist interessanter, als ich erwartet hätte.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der journalistischen Information und Einordnung. Er stellt ausdrücklich keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf, Verkauf oder Halten von WLD oder anderen Kryptowährungen dar. Kryptowährungen sind hochspekulativ, Kurse können stark schwanken und ein vollständiger Verlust des eingesetzten Kapitals ist möglich.

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