Es gibt Instagram-Accounts, hinter denen Social-Media-Agenturen, Content-Pläne, Influencer-Budgets und wahrscheinlich mindestens eine Excel-Tabelle mit der Überschrift „Brand Awareness Q3“ stehen.

Und dann gibt es das Freibad Bippen.

Ein Schwimmbecken. Eine Rutsche. Pommes. Menschen aus dem Ort. Gelegentlich ein Papierflieger. Und offenbar genau die richtige Mischung für Instagram.

Der Account @freibadinbippen kommt inzwischen auf mehr als 3.900 Follower bei rund 80 Beiträgen. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil die komplette niedersächsische Gemeinde Bippen laut amtlicher Statistik gerade einmal 2.938 Einwohner hat. Rein mathematisch folgt dem Freibad also mehr als einmal ganz Bippen.

Und nein: Der Kanal besteht nicht aus 81 nahezu identischen Fotos eines leeren Schwimmbeckens mit Texten wie „Wir wünschen allen einen schönen Mittwoch“.

Zum Glück.

Ein Freibad, das verstanden hat, dass Instagram keine Amtstafel ist

Natürlich gibt es auch die notwendigen Informationen: Saisonstart, Veranstaltungen, Schwimmaktionen und Hinweise auf das Bad. Aber dazwischen passiert etwas, woran erstaunlich viele kommunale Einrichtungen scheitern:

Menschen sind zu sehen.

Es wird ausprobiert, gespielt, gesprochen, gerutscht und gelegentlich ein bisschen Quatsch gemacht. Das Freibad wird dadurch nicht wie eine kommunale Infrastruktur dargestellt, sondern wie ein Ort, an dem tatsächlich etwas passiert.

Das klingt banal. Ist es aber nicht.

Denn theoretisch könnte man auch posten:

„Das Nichtschwimmerbecken verfügt über Massagedüsen und eine Breitrutsche.“

Sachlich völlig korrekt. Emotional ungefähr auf dem Niveau einer Bedienungsanleitung für einen Heizkörper.

Das Freibad Bippen macht daraus lieber ein Video.

Rutsche testen, Cornhole spielen – und selbstverständlich Pommes prüfen

Ein besonders schönes Beispiel ist ein Reel mit Merle Schwietert. Sie nimmt die Zuschauer mit durch das Freibad, probiert die Rutsche aus, spielt Cornhole und widmet sich schließlich einer der wichtigsten Fragen, die bei einem Freibadbesuch überhaupt beantwortet werden müssen:

Wie sind die Pommes?

Damit bewegt sich der Beitrag journalistisch bereits gefährlich nahe an Stiftung Warentest.

Nur eben in Badebekleidung.

Das Video funktioniert deshalb, weil es nicht versucht, das Freibad künstlich spektakulär zu machen. Niemand behauptet, Bippen besitze die größte Wasserrutsche Europas oder den aufregendsten Beachclub Norddeutschlands. Stattdessen zeigt man ziemlich genau das, weshalb Menschen gern ins Freibad gehen: Wasser, herumliegen, spielen, essen und einen guten Nachmittag haben.

Das offizielle Angebot passt dazu: vier 25-Meter-Bahnen, Nichtschwimmerbereich, Rutsche, Massagedüsen, Nackenduschen und ein Spraypark gehören tatsächlich zur Anlage.

Der Freibad-Faktencheck: Selbst schlechtes Wetter wird zum Argument

Noch besser wird es, wenn der Kanal Dinge erklärt, von denen vermutlich selbst viele Menschen aus der Umgebung nichts wissen.

Ein Reel bewirbt das Freibad beispielsweise ausdrücklich nicht nur für heiße Sommertage. Das Wasser werde auch bei kühleren Temperaturen beheizt – unter anderem mithilfe von Abwärme aus Biogas.

Das ist cleverer Content.

Aus einem technischen Detail der Energieversorgung wird plötzlich ein ziemlich überzeugendes Argument gegen den klassischen deutschen Freibad-Satz:

„Heute ist es aber ein bisschen frisch.“

Bippen: Egal. Rein da.

Der Kanal kombiniert damit Unterhaltung und Nutzwert. Man schaut wegen des Videos – und erfährt nebenbei etwas, das für einen tatsächlichen Besuch relevant ist.

Wenn der Papierflieger zum Tiefflieger wird

Und manchmal braucht ein Reel auch überhaupt keinen großen Informationsgehalt.

In einem Beitrag macht ein Papierflieger Tiefflug über das Freibad. Die Caption spielt entsprechend dramatisch mit dem vermeintlichen Flugverkehr über dem Becken.

Das ist keine bahnbrechende Medieninnovation. Genau deshalb funktioniert es.

Ein kleines Freibad darf albern sein. Tatsächlich wirkt der Account gerade dann am sympathischsten, wenn niemand versucht, aus jedem Clip eine hochprofessionelle Werbekampagne zu machen.

Das Ergebnis erinnert eher an den Humor einer guten lokalen TikTok-Seite als an Öffentlichkeitsarbeit.

Und das ist als Kompliment gemeint.

Sogar das Freibad-Handtuch bekommt seine eigene Show

Selbst Merchandising wird nicht einfach fotografiert und mit einem Preis versehen.

Ein Reel präsentiert ein eigenes Freibad-Bippen-Handtuch für 15 Euro. Interessanter ist dabei aber der zweite Teil: Mit dem Verkauf werden Aktivitäten wie Schwimmkurse und das Schwimmenlernen unterstützt.

Damit steckt hinter dem ganzen Spaß eben doch etwas ziemlich Ernstes.

Das Freibad lebt nicht isoliert von seinem Ort. Ein Förderverein kümmert sich seit Jahren um Erhalt und Weiterentwicklung der Anlage. Er wurde 2005 gegründet, nachdem dem Bad aus finanziellen Gründen die Schließung drohte, und zählt inzwischen rund 400 Unterstützer aus der Region. Zu seinen Aktivitäten gehören unter anderem Arbeitseinsätze, Moonlight-Schwimmen, das 24-Stunden-Schwimmen und die Unterstützung von Schwimmkursen.

Das erklärt vielleicht auch, warum der Instagram-Kanal anders wirkt als die übliche Unternehmenskommunikation.

Hier wird nicht versucht, künstlich eine „Community“ zu erzeugen.

Die Community war schon vorher da.

Vom 24-Stunden-Schwimmen bis zum Moonlight-Abend

Auch Veranstaltungen werden entsprechend inszeniert. Das 24-Stunden-Schwimmen bekommt sein eigenes Reel, statt lediglich als Termin im Veranstaltungskalender zu verschwinden.

Beim Moonlight-Schwimmen wird wiederum genau mit dem Bild gespielt, das der Name verspricht: Freibad, Abend, Musik und Schwimmen nach Sonnenuntergang. Der Förderverein nennt solche Veranstaltungen ausdrücklich als einen Schwerpunkt seiner Arbeit.

Und damit wird aus einem kleinen Freibad plötzlich etwas, was ein normales Schwimmbad selten ist:

eine eigene kleine Bühne.

Eine Synchronsprecherin fürs Freibad? Warum eigentlich nicht?

Zu den ungewöhnlicheren Beiträgen gehört außerdem ein Reel, bei dem eine Synchronsprecherin dem Freibad ihre Stimme leiht.

Das ist genau die Sorte Idee, bei der man sich zunächst fragt, wer irgendwann in einer Besprechung gesagt hat:

„Wisst ihr, was unser Freibad jetzt braucht? Eine professionelle Synchronstimme.“

Und jemand anderes offenbar antwortete:

„Ja.“

Gut so.

Denn solche Beiträge verhindern, dass der Feed irgendwann nur noch aus Rutschenvideos und Öffnungszeiten besteht.

Und dann ist da noch Tristan

Wer sich mehrere Videos des Freibads anschaut, begegnet ziemlich schnell einem weiteren festen Bestandteil des Kanals: Tristan.

Er taucht in zahlreichen Reels auf und ist inzwischen so präsent, dass man fast sagen könnte: Neben Becken, Rutsche und Pommes gehört auch Tristan zur Grundausstattung des Freibads Bippen.

Genau das ist für den Erfolg des Accounts nicht ganz unwichtig. Denn während viele Einrichtungen auf Social Media ständig wechselnde Motive zeigen, entsteht hier etwas, das gute Kanäle oft ganz automatisch entwickeln: Wiedererkennung durch Menschen. Man kennt nach einigen Videos nicht mehr nur „dieses Freibad aus Niedersachsen“, sondern auch die Personen, die dort immer wieder auftauchen.

Tristan wirkt dabei nicht wie ein einstudierter Werbeträger, der pflichtbewusst die Vorzüge einer kommunalen Freizeiteinrichtung aufsagt. Gerade seine natürliche Präsenz, die kleinen Situationen und das Zusammenspiel mit den anderen Beteiligten machen viele Clips eher zu einer fortlaufenden Freibad-Serie als zu Werbung.

Und irgendwann passiert genau das, was Social Media eigentlich erreichen soll: Man klickt ein neues Reel nicht mehr nur an, weil man wissen möchte, was im Freibad los ist.

Man will auch wissen:

Was macht Tristan diesmal?

Das ist vermutlich mehr Markenbindung, als sich mancher Social-Media-Berater nach drei Workshops und zwölf PowerPoint-Folien erträumen kann.

Warum dieser kleine Account so gut funktioniert

Das Interessante am Freibad Bippen ist deshalb gar nicht allein die Zahl der Follower.

Es ist die Art, wie ein extrem lokales Thema plötzlich auch außerhalb seines unmittelbaren Einzugsgebiets unterhaltsam werden kann.

Der Kanal hat mehrere Dinge verstanden:

Er zeigt Menschen statt Logos. Er nutzt Humor, ohne zwanghaft jugendlich wirken zu wollen. Er erklärt echte Besonderheiten des Freibads. Er macht aus Veranstaltungen Geschichten. Und vor allem behandelt er die eigene Größe nicht als Nachteil.

Niemand versucht, aus Bippen Ibiza zu machen.

Bippen darf Bippen bleiben.

Genau das macht den Account glaubwürdig.

Vielleicht ist das sogar die wichtigste Lektion für lokales Social Media

Kommunen, Vereine, Schwimmbäder und lokale Einrichtungen beklagen häufig, dass ihre Beiträge kaum Reichweite erzielen.

Dann besteht der Feed aus einem Foto eines Plakats.

Darunter steht:

„Wir weisen auf folgende Veranstaltung hin.“

Und anschließend wartet man gespannt auf Viralität.

Das Freibad Bippen zeigt ziemlich gut, dass lokale Öffentlichkeitsarbeit auch anders aussehen kann. Eine Rutsche wird getestet. Pommes werden gegessen. Ein Papierflieger fliegt durchs Bild. Menschen erzählen etwas. Veranstaltungen bekommen Gesichter. Selbst ein Handtuch wird zur Geschichte.

Natürlich muss nicht jedes Freibad jetzt einen hauptamtlichen Reel-Produzenten einstellen.

Aber etwas mehr Bippen würde vielen Social-Media-Kanälen durchaus guttun.

Denn wenn ein Freibad aus einer Gemeinde mit nicht einmal 3.000 Einwohnern auf Instagram mehr als 3.700 Menschen zum Folgen bringt, dürfte die Ausrede „Für unser Thema interessiert sich auf Social Media niemand“ endgültig ein kleines Loch bekommen haben.

Vermutlich ungefähr in der Größe eines Freibad-Abflusses.

Teile den Beitrag:

Alle Beiträge kennzeichnen wir hiermit als Werbung. Die Werbekennzeichnung erfolgt, da Marken von Hard- und Software genannt werden. Oftmals werden App-Codes zur Verfügung gestellt sowie Gadgets zum Test. Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen. Zudem gehen wir Contentpartnerschaften oder Kooperationen ein. Hilf uns, indem du mit diesem Amazon-Link einkaufst! Lade dir unsere kostenlosen Quiz-Spiele hier herunter!

Hinterlasse eine Antwort