Es ist 19:37 Uhr und das Smartphone vibriert.
Zoe hat schon Netflix an, wartet auf den Fahrer von Bring mit der Quinoa Bowl, da ruft doch tatsächlich ihr Kunde Thomas an. Sie zögert kurz – ist ja schließlich Feierabend. Aber gut, gestern hat sie ihm erst diesen Chatbot auf die Homepage gesetzt und Google Ads für 50 Euro am Tag rausgehandelt (wenn’s was bringt). Da will man schon wissen, ob sich was tut.

Tut sich. Aber nicht wie gedacht.

Thomas klingt nicht nach eitel Sonnenschein. Er poltert los: Er habe gerade einen Kunden verloren – „wegen dieser verdammten KI“. Der Chatbot habe dem Interessenten vorgeschlagen, seine Altbauküche mit Großformatfliesen zu machen, direkt auf den Dielen. Ohne Unterbau, ohne Abdichtung, mit Fußbodenheizung. „Klingt modern“, habe der Bot geschrieben. Der Kunde habe das dann seiner Frau gezeigt. Die hätte laut gelacht und sich für jemand entschieden, der „noch mit Menschen redet“. Tja.

Zoe atmet tief durch. Das Gespräch ist hitzig. Am Ende einigt man sich: kein Schadenersatz, aber Thomas will jetzt drei neue Kunden. Sofort.
Zoe legt auf. Denkt kurz nach. Vielleicht kann sie ihm ja ihr Bad andrehen. Das müsste eh mal neu gemacht werden. Aber wie kommt man an die anderen beiden neuen Kunden? Vielleicht eine Anzeige im Amtsblatt heimlich schalten, natürlich mit Canva erstellt.

Deutschland sei bei KI noch nicht so weit, sagen viele. Aber liegt das wirklich an uns – oder daran, dass die KI noch nicht so weit ist?
Was ist sie überhaupt?

Zyniker sagen: ein Worttaschenrechner. Eingabe rein, Wahrscheinlichkeiten raus. Kein Bewusstsein, kein Bauchgefühl, keine Ahnung, was eine Duschrinne ist.

Was hat man da eigentlich gebaut?
Etwas, das alles weiß – aber nichts versteht. Und das jetzt Handwerker verkaufen soll. Oder Gefühle deuten. Oder Bewerber auswählen.

Zoe scrollt durch die letzten Leads. Ein Kunde will „Fliesen wie im Spa auf Pinterest“. Der Chatbot schlägt Mosaik in Türkis vor.
Zoe seufzt. Vielleicht sollte sie doch endlich Fliesenlegen lernen.

Vielleicht lag der Fehler gar nicht bei der KI. Sondern bei der Hoffnung, dass sie alles kann – nur weil wir es wollen?

Klar, man *könnte* sagen: schlecht gepromptet. Falscher Use Case. Keine gute Wissensdatenbank. Aber das wäre, als würde man dem Hammer die Schuld geben, dass die Fliese springt – obwohl man damit versucht hat, ein Weinglas zu polieren.

Der Fliesenleger-Chatbot hat nicht „falsch gearbeitet“. Er hat exakt das gemacht, wozu er gebaut wurde: Textmuster ausspucken, die wahrscheinlich sinnvoll klingen. Nicht sind.
Die KI weiß nicht, was Großformatfliesen im Altbau anrichten. Sie weiß nur, dass „modern“ oft positiv klingt.

Das ist kein Bug. Das ist das System.

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