„Ich liebe Vinted, aber was ist bitte aus dieser App geworden?“
So beginnt ein TikTok-Rant, der gerade tausendfach geteilt wird. Die Nutzerin regt sich auf – nein, sie eskaliert förmlich. Über Shein-Teile, die auf Vinted für das Fünffache verkauft werden. Über „destroyed bags“ mit absurd hohen Preisvorstellungen. Über Coquette-Oberteile, die angeblich vintage sind, aber direkt aus dem Warenkorb von Temu stammen könnten. Ihr Fazit: „Ich kann das alles nicht mehr.“
Das Video trifft einen Nerv. Unterlegt mit SpongeBob-Musik und Kommentaren wie „Ich hasse Vinted mittlerweile“ oder „Ich werde Vinted-Hater hahahaha“ zeigt sich: Viele fühlen sich gerade richtig betrogen – nicht unbedingt im rechtlichen Sinn, aber emotional und als Community.
Der Frust sitzt tief – und er kommt von beiden Seiten
Wir haben hier auf Check-App schon mehrfach über diese Entwicklung berichtet:
→ Im Juni ging es um einen Clip, in dem jemand Action-Produkte abfotografierte und bei Vinted weiterverkaufte.
→ Anfang Juli dann der Fall einer TikTokerin, die sich nach einem Shein-Kauf bei Vinted „gescammt“ fühlte.
Beide Beiträge beleuchten: Was ist erlaubt? Was ist moralisch fragwürdig? Und was macht Vinted eigentlich dagegen? Lies gern nach.
Doch diesmal schauen wir tiefer. Denn bei aller Empörung über Shein-Ware und Fake-Vintage – vielleicht ist die Plattform gar nicht „kaputt“, sondern nur ein Spiegel von uns.
Wer ist schuld? Die Plattform – oder unser Konsumverhalten?
In den Kommentaren zum Rant zeigt sich ein Muster:
➤ Die Käufer:innen fühlen sich hintergangen.
„Ich dachte, das ist vintage – war aber nur Shein“, schreibt eine Nutzerin. Andere berichten von Bershka-Taschen, die plötzlich von 6 € auf 26 € mutieren, oder Ketten, die als „Erbstücke“ angepriesen werden – aber bei Temu für 1,60 € auftauchen.
➤ Die Verkäufer:innen sind frustriert.
„Ich verkaufe alles super günstig, nix geht weg.“
„Ich biete echte Vintage-Teile an – muss 100 Beweisfotos schicken, weil keiner mehr glaubt, dass was echt ist.“
➤ Dazwischen steht eine absurde Marktdynamik.
Alle wollen günstig kaufen. Aber viele wollen auch gewinnbringend verkaufen. Und manche machen daraus ein ganzes Mikro-Business – mit Produktfotografie, Beschreibung in Ästhetik-Sprache und kleinen Preisaufschlägen, die sich bei Shein-Artikeln eben besonders deutlich zeigen.
Die bittere Wahrheit:
„Da funktioniert einfach“, schreibt ein Kommentar – und meint den Weiterverkauf überhöhter Fast-Fashion. Irgendjemand kauft es immer.
Ist das erlaubt? Shein weiterverkaufen auf Vinted – was rechtlich gilt
Weil die Frage immer wieder kommt:
Ja, es ist erlaubt, Kleidung von Shein, Temu oder Zara bei Vinted weiterzuverkaufen. Auch neu. Auch teurer.
ABER: Sobald das systematisch passiert und jemand gezielt auf Gewinn aus ist, gilt das als gewerblicher Verkauf. Und der ist auf Vinted nur mit Anmeldung und Genehmigung erlaubt.
Ob jemand das deklariert oder nicht, sieht man als Käufer:in aber nicht – außer es ist offensichtlich.
Übrigens: Das Entfernen von Markenetiketten oder das bewusste Erwecken eines falschen Eindrucks (z. B. „Vintage“, obwohl es aktuelle Shein-Ware ist), kann moralisch daneben sein – rechtlich wird es aber nur dann problematisch, wenn konkret getäuscht oder ein Schaden verursacht wurde.
→ Mehr dazu findest du in unseren beiden Artikeln zum Thema, inklusive Steuer-Check und Plattformregeln.
Vinted ist nicht mehr der Flohmarkt von früher – und das ist auch okay
Einige schreiben in den Kommentaren: „Vinted war mal cool. Jetzt ist alles nur noch Fake, teuer oder stressig.“
Andere sagen: „Warum denn überhaupt noch vintage suchen, wenn man direkt bei Shein kaufen kann?“
Doch die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.
Vinted ist nicht kaputt – es ist ein Marktplatz. Und Marktplätze verändern sich.
Es gibt noch echte Schnäppchen, faire Verkäufer:innen und liebevoll zusammengestellte Vintage-Pakete. Aber es gibt eben auch Trittbrettfahrer, Mikro-Händler und Blender mit guten Fotos.
Vielleicht müssen wir deshalb nicht Vinted abschreiben, sondern besser lernen, wie wir uns dort bewegen:
✅ Nutze die Google-Bildersuche, bevor du kaufst
✅ Suche gezielt nach Marken statt nach Styles
✅ Stelle Fragen, wenn dir etwas spanisch vorkommt
✅ Und: Melde Angebote, die klar gegen Regeln verstoßen
Fazit: Vinted ist, was wir draus machen
Ob du ein kaputtes System siehst oder eine praktische App für nachhaltigen Konsum – das liegt an dir.
Ja, es nervt, wenn ausgerechnet Shein als „Vintage“ verkauft wird. Aber es nervt auch, wenn wir als Käufer:innen blind drauf reinfallen.
Und wenn ehrliche Verkäufer:innen unter Generalverdacht stehen, weil andere das Vertrauen verspielt haben – ist das dann die Schuld der Plattform? Oder auch ein bisschen unsere?
Vinted ist nicht TikTok. Kein Algorithmus entscheidet, was du kaufst.
Du schon.



