Ich bin wirklich kein Technik-Verweigerer – ganz im Gegenteil. Ich war am BER schon öfter als am Brandenburger Tor und liebe digitale Lösungen. Steht ja auch in der About-Zeile:
„Check-App seit 2011“ – also her mit allem, was Prozesse digitalisiert, Bürokratie abschafft und das Leben einfacher macht.
Aber nur, wenn es sinnvoll ist.

Was der BER mit seiner SmartDepart-App und dem Projekt BER Biometrics auf die Beine gestellt hat, lässt mich allerdings ehrlich gesagt ratlos zurück.
Nicht nur, weil man dafür sein Gesicht für ein bisschen Lounge und Fast Lane hergeben soll – sondern weil es offenbar so wenig Menschen überhaupt nutzen, dass man die gesamten Online-Reviews in weniger als einer Minute lesen kann.

Und nein, das ist kein Witz:
Wir haben alle verfügbaren Nutzerbewertungen zur App durchgesehen. Hat keine Minute gedauert.
Und das ging – Überraschung – völlig ohne Python-Skript.
Es sind nur etwa 30 Bewertungen – nicht 10.000+, wie man es sonst von unseren App-Analysen kennt.

Was ist SmartDepart eigentlich?

SmartDepart ist die offizielle App des Gesichtserkennungsservices „BER Biometrics“ am Flughafen BER. Die Idee:
Du legst ein Selfie in der App an, verknüpfst deine Bordkarte (die du erst 24 h vor Abflug bekommst) und kannst dann bestimmte Services wie Fast Lane („BER Runway“), Self Bag Drop oder den Lounge-Zugang kontaktlos per Gesicht nutzen.

Die App wurde im Sommer 2024 eingeführt, laut Entwickler Airsphere – einem erfahrenen Anbieter für Flughafenlösungen – ist sie ein Meilenstein in Richtung „smarter Passagierabfertigung“.

Schön gedacht, schlecht gemacht: Was die App (nicht) kann

Trotz Big-Tech-Vibes und Biometrie-Versprechen fühlt sich die App in der Praxis eher an wie ein Beta-Test mit echten Passagieren. Hier ein paar Highlights aus den Nutzererfahrungen – direkt aus dem App Store und Google Play Store (leicht paraphrasiert fürs Copyright):

„Registrierung geklappt, aber sobald ich BER Biometrics anklicke, passiert nichts.“
– Rezension vom 27. April 2025

„Keine Zeitslots verfügbar – nicht, weil sie voll waren, sondern weil der Tag noch nicht freigeschaltet war.“
– Rezension vom 17. Dezember 2024

„Man muss ein Foto hochladen und bekommt dann Tipps wie: ‚2 Stunden vorher Slot buchen‘, obwohl der Check-in erst 2 Stunden vorher überhaupt möglich ist.“
– Rezension vom 13. Juli 2025

Das Fazit vieler Nutzer: Die App funktioniert oft nicht wie beworben. Und wenn sie funktioniert, ist der Nutzen bestenfalls marginal, der Aufwand dafür aber erstaunlich hoch – sowohl technisch als auch datenschutzrechtlich.

Die Ironie: Hightech mit Low Adoption

Jetzt wird’s spannend: Airsphere liefert seit Jahren Lösungen zur Passagierautomatisierung an über 200 Flughäfen weltweit – von Frankfurt bis Hongkong. Doch ihre neue App SmartDepart, die am BER seit Mitte 2024 den Gesichtserkennungsservice „BER Biometrics“ ermöglicht, scheint noch nicht wirklich durchgestartet zu sein: Die Android-Version zählt gerade mal 10.000+ Downloads, bei iOS gibt’s 38 Bewertungen, viele davon negativ.

Offenbar hat die Zukunft der Passagierabfertigung keinen richtigen Boarding-Pass in die Gegenwart gefunden.

Und ja – es gibt auch einige positive Stimmen. Vereinzelte Vielflieger loben die Idee, wenn sie denn mal funktioniert. Aber das wirkt eher wie ein Glücksfall als ein planbarer Service.

Datenschutz? Gesichtsverlust inbegriffen

Die App verlangt:

  • ein Selfie
  • persönliche Daten
  • Zugriff auf Bordkarte
  • Geräte-IDs

Google Play:

„Daten können nicht gelöscht werden.“

Laut Google Play gibt der Entwickler an, dass „Daten nicht gelöscht werden können“. Das bedeutet, dass Nutzer über die App keine direkte Möglichkeit haben, ihre Daten zu löschen oder die Löschung zu beantragen – was bei einer Anwendung mit biometrischen Daten durchaus kritisch gesehen werden kann.

Wer ist Airsphere – und warum wirkt die App trotzdem unausgereift?

IrIronischerweise stammt die App von der Airsphere GmbH, einem Unternehmen mit über 15 Jahren Erfahrung im Flughafensektor. Die Münchner Firma ist international gut aufgestellt, liefert Passagiermanagement-Systeme an über 200 Flughäfen weltweit und betreibt tausende E-Gates – unter anderem in Frankfurt, Heathrow, Hongkong und Amsterdam.

Im Hintergrund läuft die Technik offenbar zuverlässig.
Doch bei der SmartDepart-App, dem ersten direkten Angebot an Reisende, zeigt sich: Eine starke Backend-Infrastruktur ist noch kein Garant für ein gelungenes Nutzererlebnis.

Was im B2B-Bereich mit klaren Prozessen und festen Schnittstellen funktioniert, stößt im Alltag echter Passagiere auf ganz andere Herausforderungen: unklare Abläufe, technische Hürden, widersprüchliche Informationen. Die App wirkt stellenweise unausgereift, gerade bei der Nutzerführung und Kommunikation.

Wir wissen: Jede App durchläuft Kinderkrankheiten, gerade bei neuen Konzepten wie biometrischer Authentifizierung. Aber angesichts des sensiblen Themas – Gesichtserkennung am Flughafen – wäre eine sorgfältigere Einführung mit transparenter Kommunikation und zuverlässiger Technik wünschenswert gewesen.

Fazit: Die Zukunft fliegt nicht von allein

„SmartDepart“ will Vorreiter sein. BER Biometrics soll Komfort bringen, Prozesse beschleunigen, digitale Transformation sichtbar machen.
Tatsächlich bleibt ein Eindruck zurück, der sich irgendwo zwischen Pseudoinnovation und realitätsfremder Digitalisierung bewegt.

Denn wenn man sein Gesicht hergibt, um schneller durch die Sicherheitskontrolle zu kommen, die App aber hakt, der Scanner nicht geht und die Slots nicht buchbar sind, dann stellt sich am Ende nur eine Frage:

Wieso fühlt sich das alles so dämlich analog an – obwohl es doch digital sein soll?

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