Viele haben es erst gemerkt, als die Mail plötzlich im Postfach lag. Kein Hinweis in der App, keine Push-Nachricht, keine Erklärung. Stattdessen eine nüchterne Information: So viel Umsatz hast du im letzten Jahr auf Vinted gemacht. Gleichzeitig ist etwas verschwunden, das für viele selbstverständlich war – die Verkaufsstatistiken direkt in der App. Kein Gesamtumsatz mehr, keine laufende Übersicht, kein Gefühl dafür, wo man eigentlich steht.
Genau diese Kombination sorgt aktuell für Unruhe. Nicht, weil plötzlich Steuern fällig wären. Sondern weil Transparenz verloren gegangen ist.
Passend dazu haben wir hier bereits ausführlich erklärt, warum Vinted plötzlich die Steuer-ID abfragt, ab wann Verkäufe gezählt werden und was das konkret für private Nutzer bedeutet – inklusive der 2.000-Euro-Grenze, der 30-Verkäufe-Regel und der DAC7-Meldung.
Früher alles sichtbar, heute nur noch eine Mail
Auslöser der Diskussion ist ein TikTok, das gerade viel Reichweite bekommt. Die Creatorin beschreibt sachlich, was sich verändert hat: Die bekannten Vinted-Statistiken sind nicht mehr abrufbar. Früher ließ sich relativ einfach nachvollziehen, wie viel Umsatz man insgesamt gemacht hat. Diese Funktion existiert nicht mehr.
Stattdessen kam bei ihr eine E-Mail von Vinted mit einer Jahresübersicht für 2025. Bei ihr stehen dort 936 Euro Umsatz. Sie betont mehrfach, dass es sich um reine Privatverkäufe handelt. Eigene Kleidung, Dinge der Kinder, Sachen vom Partner. Alles einmal gekauft, genutzt und später weiterverkauft. Kein gezielter Einkauf zum Weiterverkauf, kein Gewinn, kein Nebengewerbe.
Ihre Frage richtet sich direkt an die Community: Wer hat diese Mail auch bekommen? Und wie hoch war der Betrag?
Die Kommentare zeigen, wie unterschiedlich Vinted genutzt wird
Ein Blick in die Kommentarspalte macht schnell klar, warum dieses Thema gerade hochkocht. Die gemeldeten Beträge unterscheiden sich extrem. Einige Nutzer schreiben von rund 700 Euro innerhalb weniger Wochen. Andere nennen 1.700 oder 1.900 Euro im Jahr. Wieder andere liegen bei 2.300 Euro oder leicht darüber. Und dann tauchen auch Zahlen auf, die viele kurz schlucken lassen: 20.000 Euro Umsatz im Jahr.
Spätestens an diesem Punkt wird deutlich, dass Vinted längst mehr ist als ein digitaler Kleiderschrank. Die Plattform vereint sehr unterschiedliche Nutzergruppen. Menschen, die ein paar alte Sachen loswerden wollen. Eltern, die regelmäßig Kinderkleidung weiterverkaufen. Und Nutzer, die offenbar sehr aktiv handeln, auch wenn sie sich selbst noch als privat einstufen.
Von außen sieht all das gleich aus. Für das System dahinter aber nicht.
Warum die Statistiken verschwunden sind
Eine klare Erklärung von Vinted gibt es dazu bislang nicht. Der zeitliche Zusammenhang ist jedoch auffällig. Seit Einführung der DAC7-Meldepflicht stehen Plattformen unter Druck, Verkaufsdaten systematisch zu erfassen und weiterzugeben, sobald bestimmte Schwellen erreicht werden. Relevant sind dabei vor allem zwei Punkte: mehr als 30 Verkäufe im Kalenderjahr oder mehr als 2.000 Euro Umsatz.
Die alten In-App-Statistiken waren bequem. Sie haben aber auch sehr transparent gezeigt, wie nah man diesen Grenzen kommt. Wer regelmäßig verkauft hat, konnte relativ genau abschätzen, wann es kritisch wird. Diese Transparenz gibt es nun nicht mehr. Stattdessen erfolgt die Information zeitverzögert per Mail – rückblickend, nicht begleitend.
Rechtlich mag das sauber sein. Für Nutzer fühlt es sich trotzdem schlechter an, weil Kontrolle fehlt.
Die größte Sorge: Muss ich jetzt Steuern zahlen?
Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Kommentare. Die Antwort ist weniger spektakulär, als viele befürchten. Umsatz ist nicht gleich Gewinn. Wer private Gegenstände verkauft, die zuvor selbst gekauft und genutzt wurden, erzielt in der Regel keinen steuerpflichtigen Gewinn. Selbst höhere Umsätze können völlig unproblematisch sein, wenn sie aus dem Verkauf von Gebrauchtware ohne Gewinnerzielungsabsicht stammen.
Entscheidend ist nicht die Summe der Einnahmen, sondern ob am Ende ein Gewinn übrig bleibt. Und selbst dann greift noch die Freigrenze von 600 Euro Gewinn im Jahr. Viele hohe Beträge entstehen schlicht dadurch, dass über Jahre angesammelte Kleidung, Babysachen oder Markenartikel nach und nach verkauft werden. Das sieht nach viel Geld aus, ist aber oft nichts anderes als Platz schaffen.
Das eigentliche Problem ist fehlende Transparenz
Die Jahresumsatz-Mail selbst ist kein Drama. Sie informiert, mehr nicht. Was viele Nutzer wirklich stört, ist das Gefühl, den Überblick verloren zu haben. Aktuell ist für Verkäufer kaum nachvollziehbar, wie viele Verkäufe Vinted intern zählt, welcher Zeitraum genau berücksichtigt wird oder wann weitere Abfragen wie das Steuer-ID-Popup erscheinen könnten.
Diese Unklarheit erzeugt Unsicherheit. Und Unsicherheit fühlt sich schnell wie Druck an, selbst wenn objektiv kein Risiko besteht. Gerade private Verkäufer, die nie vorhatten, sich mit Steuerfragen zu beschäftigen, fühlen sich dadurch verunsichert.
Fazit: Kein Grund zur Panik, aber ein klarer Richtungswechsel
Die neuen Umsatz-Mails sind kein Warnschuss und kein versteckter Steuerbescheid. Sie sind ein Symptom dafür, dass Vinted sich verändert. Die Plattform wird größer, internationaler und stärker reguliert. Damit geht ein Stück Flohmarkt-Gefühl verloren. Gleichzeitig steigen die Pflichten und die Komplexität für Verkäufer.
Wer privat verkauft, keinen Gewinn macht und bewusst mit der Plattform umgeht, muss aktuell keine Angst haben. Trotzdem gilt: Zahlen lieber selbst im Blick behalten. Denn die App liefert sie nicht mehr automatisch.
Vinted wird erwachsen. Und wie so oft fühlt sich das für viele Nutzer nicht unbedingt besser an.

