Berlin liebt große Ideen. Und große Häuser. Am besten beides zusammen. Direkt an der Warschauer Brücke, da wo S-Bahn, Touris, Clubs und Baustellen seit Jahren eine seltsame Symbiose eingehen, soll ab 2026 das House of Games Berlin eröffnen. Klingt erstmal gut. Games. Berlin. Endlich ein Ort, der mehr ist als Coworking mit Kickertisch. Der Standort an der Warschauer Brücke fühlt sich eher nach umgebauter Industrie als nach Prestigeprojekt an – viel Beton, viel Stadt, wenig Hochglanz. Genau so saß Zynga früher in San Franciscos SoMa-Viertel: alte Hallen, Tech drin, echtes Leben draußen.
Gleichzeitig geht bei vielen Indie-Devs innerlich ein kleines Warnlämpchen an. Leuchtturmprojekt der Politik? Förderkulisse mit viel Glas und wenig Alltag? Oder doch ein Ort, an dem man wirklich abhängen, bauen, scheitern und weitermachen kann?
Viel Fläche, große Namen – aber wenig Alltag
Was man weiß: Über 10.000 Quadratmeter, mehrere Etagen, Nähe Warschauer Straße. Ubisoft als Ankermieter. Dazu bekannte Namen aus Verband, Jugendschutz, Spielekultur, Streaming, Agenturen. Klingt nach Ökosystem. Klingt nach PowerPoint.
Was man weniger weiß: Wie fühlt sich das Ding im Alltag an?
Kann ich da als Zwei-Personen-Studio rein, ohne direkt ein Formularpaket zu bekommen?
Gibt es Räume, in denen Builds getestet werden, ohne dass jemand fragt, ob das schon marktreif ist?
Oder ist das eher ein Ort für Logos an der Wand und LinkedIn-Posts mit „excited to announce“?
Berlin tickt anders als Förderprosa
Die Berliner Indie-Szene funktioniert selten über Hochglanz. Eher über Späti-Gespräche, Discords, WG-Zimmer mit drei Monitoren und Nebenjobs, die das Projekt querfinanzieren. Viele gute Games entstehen hier trotz Struktur, nicht wegen ihr.
Genau deshalb ist die Erwartungshaltung gemischt. Ein Ort kann helfen. Räume, in denen man sich zufällig über den Weg läuft. Leute, die nicht pitchen wollen, sondern Probleme teilen. Playtests nach Feierabend. Jams, die nicht von Sponsoren dominiert werden. Kurz: Leben.
Aber Berlin hat auch Erfahrung mit Projekten, die toll angekündigt werden und dann erstaunlich glatt, sauber und… leer wirken. Für Indies ist „zu perfekt“ oft ein schlechtes Zeichen.
Keine Website, kaum greifbare Infos – bisschen sus, oder?
Was stutzig macht: Für ein Projekt, das 2026 starten soll, ist erstaunlich wenig konkret auffindbar. Keine richtige Website mit klaren Infos für kleine Studios. Keine transparenter Fahrplan, wie man reinkommt. Viel Presse, viele Statements, wenig Substanz.
Klar, Aufbauphase, politische Prozesse, Immobilien. Verstanden. Trotzdem: Gerade die Zielgruppe, die man erreichen will, tickt digital. Wenn Indies anfangen zu googeln und am Ende bei PDFs und Pressemeldungen landen, ist das kein gutes Signal.
Was das House of Games richtig machen müsste
Eigentlich gar nicht so kompliziert:
- Niedrigschwelliger Zugang für kleine Teams und Einzelpersonen
- Räume, die genutzt werden dürfen, nicht nur bestaunt
- Keine Pflicht zur Selbstdarstellung
- Community vor Bühne
- Alltag vor Event
Wenn das House of Games ein Ort wird, an dem man einfach auftauchen kann, ohne sich erklären zu müssen, hat es eine echte Chance. Wenn nicht, wird es ein weiterer Berliner Ort, über den man sagt: „War nett gemeint.“
Und jetzt?
Vielleicht ist genau das der faire Stand: Abwarten, aber aufmerksam bleiben. Das Projekt könnte wichtig werden. Für Berlin. Für Games. Für Indies, die keinen Bock auf Accelerator-Rhetorik haben, aber Lust auf Austausch.
Noch ist vieles offen. Vielleicht sogar zu offen. Aber manchmal entstehen gute Orte genau dann, wenn sie sich nicht sofort festlegen.
Berlin jedenfalls wäre bereit. Die Szene auch.
Die Frage ist nur, ob das House of Games am Ende ein Treffpunkt wird – oder eben doch nur ein schönes Gebäude mit sehr vielen Förderlogos an der Wand.



