Ich mache Kurzvideos für TikTok und YouTube, oft 15 Sekunden lang, manchmal auch drei Minuten, wenn das Thema es trägt. Aufrufe um die 100 Millionen. Gerade deshalb hat mich „Bessere Videos drehen“ überrascht. Das Buch stammt nicht aus irgendeinem aktuellen Review-Prozess, ich habe es mir einfach aus dem Regal gegriffen. Und erstmal: voller Respekt an Reinhard M. Nikschick. Offenbar ein alter Hase. Man merkt schon in der Einleitung, dass hier niemand bloß Technik nacherzählt, sondern jemand schreibt, der weiß, wie Videos wirken und warum viele eben nicht wirken.
Natürlich ist das Buch von 2023. Das ist erst vor drei Jahren gewesen, dennoch mehr als vorgestern. Und an einzelnen Stellen merkt man das bei Software, Plattformen und Technik. TikTok? Kein Wort dazu. Aber genau das ist fast schon ein Qualitätsmerkmal. Denn wenn ein Videobuch auch dann noch etwas taugt, wenn Menüs, Tools und Plattformdetails nicht mehr ganz frisch sind, dann steckt darin offenbar mehr als nur Bedienwissen. Mich hat sofort der Gedanke des NUR-Videos gepackt. Ist das seine eigene Begriffsprägung? Vielleicht. Stark ist er jedenfalls. Gemeint sind Videos, die nur für Familie, Kollegen oder den ganz engen Kreis funktionieren. Der Satz dazu sitzt: „Der Entschluss, keine NUR-Videos zu drehen, beweist eine hohe Wertschätzung deines späteren Publikums.“
Das ist einer dieser Gedanken, die hängenbleiben, gerade wenn man selbst keine klassischen Filme dreht, sondern schnelle Clips fürs Netz. (Hach, wie ich es hasse, wenn Influencer von „Dreh“ sprechen). Dennoch gerade auch ein Kurzvideo kann am Ende genau so ein NUR-Video sein: nur für Eingeweihte, nur im eigenen Kopf gut, nur als Moment nett. Warum mich gerade die Kapitel 3, 4 und 5 dann so gepackt haben, kommt gleich. Kurz also: Warum man auch für schnelle Clips etwas mehr Vorarbeit leisten sollte, das habe ich mir aus dem Buch genommen. Was genau – hier für mich:
Vorbereitung, Konzept: Warum ich mir für Kurzclips die Idee vorher klarer bauen sollte
Kapitel 3 dreht sich im Kern um einen einfachen, aber in der Praxis ziemlich schmerzhaften Punkt: Erst muss die Idee stehen, dann die Geschichte. Nicht erst filmen, dann hoffen, dass im Schnitt schon ein roter Faden auftaucht. Genau das ist ja das Problem, das ich selbst kenne. Man hat Material, vielleicht sogar ordentlich viel, und merkt erst später, dass zwischen zwei Momenten etwas Entscheidendes fehlt. Nicht unbedingt eine spektakuläre Aufnahme, sondern oft einfach die eine Szene, die den Übergang logisch macht.
Was ich aus den Seiten mitnehme: Der Autor trennt sehr sauber zwischen Idee, Geschichte und späterem Dreh. Die Idee ist erstmal nur der Ausgangspunkt. Also nicht schon das halbe Video im Kopf fertig schneiden, sondern klären, worum es überhaupt gehen soll. Danach wird daraus eine Geschichte gebaut. Und diese Geschichte braucht mehr als bloß ein Thema. Sie braucht eine nachvollziehbare Bewegung von Anfang bis Ende.
Hilfreich fand ich die Passage, in der er die Entstehung einer Idee runterholt vom Kreativmythos. Die Idee kommt nicht nur im genialen Geistesblitz. Sie kann aus Alltag, Zeitung, Gespräch, Beobachtung oder einem kleinen Detail entstehen. Wichtig ist eher, dass man sie festhält, bevor sie wieder weg ist. Der praktische Rat dahinter ist simpel und gut: Idee sofort notieren, nicht darauf vertrauen, dass sie später schon wiederkommt. Das klingt banal, ist aber wahrscheinlich einer der brauchbarsten Sätze des ganzen Kapitels.
Dann wird es konkreter: Aus der Idee wird nicht automatisch ein Video. Dazwischen liegt die Arbeit, daraus eine erzählbare Form zu machen. Und hier kommen die W-Fragen ins Spiel, die ich wirklich nützlich finde. Sie zwingen dazu, die Idee einmal systematisch zu prüfen. Also ungefähr: Wer ist die Figur oder um wen geht es? Was passiert? Wo spielt das? Wann passiert es? Warum ist das relevant? Auf diese Weise wird aus einer losen Beobachtung langsam etwas, das man wirklich aufbauen kann. Für mich ist das wichtig, weil Kurzclips oft genau an diesem Punkt scheitern. Das Thema ist da, aber die Form fehlt.
Besonders stark fand ich die Karteikarten-Methode. Der Gedanke dahinter: Die geplante Geschichte wird in einzelne Stationen oder Bausteine zerlegt, die man vor dem Dreh noch sortieren, verschieben oder streichen kann. Das ist kein starres Drehbuch, sondern eher ein flexibles Gerüst. Genau das scheint der Nutzen zu sein. Man kann prüfen, ob die Reihenfolge funktioniert, ob etwas fehlt, ob zwei Teile eigentlich doppelt sind oder ob eine entscheidende Szene noch gar nicht mitgedacht wurde. Für mich ist das wahrscheinlich die praktischste Erkenntnis aus Kapitel 3, weil sie direkt auf mein Problem passt: Nicht erst am Schnittplatz merken, dass zwischen Anfang und Ende ein Loch klafft.
Dazu kommt der Hinweis, dass diese Karten nicht überladen sein sollen. Also nicht gleich jede Gesprächszeile, jeden Kamerastandort und jede technische Einzelheit hineinschreiben. Eher knapp bleiben, auf Kerngedanken konzentrieren, die Geschichte in wesentliche Schritte zerlegen. Das finde ich gerade für Social Video plausibel. Wenn ich mir vor einem Clip fünf kurze Story-Stationen notiere, bringt mir das mehr als zehn technische Notizen, die ich in der Realität sowieso ignoriere.
Spannend ist auch, dass der Autor das Ganze sehr klar Richtung Storytelling weiterführt. Er macht im Prinzip deutlich: Reines Faktenaufsagen packt kaum jemanden. Menschen reagieren auf Geschichten, weil Geschichten Bewegung, Konflikt und Auflösung haben. Es reicht also nicht, dass etwas sachlich korrekt ist. Es muss auch so aufgebaut sein, dass man dranbleiben will. Gerade für TikTok oder Shorts ist das fast brutaler wahr als für lange Videos. Da merkt man sofort, ob nur Information abgeladen wird oder ob ein Bogen vorhanden ist.
Der Übergang zur klassischen Dramaturgie ist deshalb folgerichtig. Das Kapitel arbeitet erkennbar mit dem Drei-Akte-Modell: Einführung, Konflikt oder Herausforderung, dann eine Form von Lösung. Also zuerst wird gezeigt, wer da ist und in welcher Situation die Figur steckt. Dann kommt etwas, das die Sache schwierig macht. Danach muss sich zeigen, ob und wie dieses Problem gelöst wird. Das ist kein elitärer Filmtheorie-Ballast, sondern eigentlich nur eine sehr klare Erinnerung daran, dass Zuschauer einen Verlauf brauchen. Selbst bei einem kurzen Clip wollen sie unbewusst wissen: Worum geht’s, wo ist die Spannung, was kommt dabei raus?
Wichtig ist dabei, dass die Geschichte laut Buch nicht zwingend geschniegelt auf Happy End laufen muss. Nicht jedes Problem wird sauber gelöst. Aber ein Video sollte den Zuschauer offenbar trotzdem nicht völlig orientierungslos zurücklassen. Also selbst wenn am Ende keine perfekte Lösung steht, sollte zumindest klar sein, wo die Sache gerade steht oder was daraus geworden ist. Auch das ist für mich nützlich, weil viele Clips zwar ein Thema anreißen, aber am Ende einfach abbrechen. Das erzeugt nicht automatisch Offenheit, oft nur Leere.
Sehr hilfreich fand ich zudem den Gedanken, dass in einer erzählbaren Geschichte fast immer ein Problem, ein Widerstand oder eine Herausforderung steckt. Das muss nichts Großes sein. Es kann etwas ganz Alltägliches sein. Aber ohne so einen Kern bleibt es oft nur eine Aneinanderreihung von Bildern. Genau dadurch erklärt sich auch, warum manche an sich hübschen oder informativen Videos nicht hängenbleiben: Sie zeigen etwas, aber sie entwickeln nichts.
Wenn ich das Kapitel für mich selbst in einen praktischen Merksatz übersetze, dann so:
Vor dem Dreh muss ich nicht alles ausformulieren, aber ich muss wissen, welche Geschichte ich eigentlich erzähle, welche Stationen sie hat und wo ihr Konflikt liegt. Sonst produziere ich wieder Material statt eines Videos.
Für in vier Wochen merke ich mir daraus vor allem drei Dinge. Erstens: Ideen sofort festhalten. Zweitens: Vor dem Dreh die Geschichte in kleine Bausteine zerlegen, gern auf Karten oder in Stichpunkten. Drittens: Vorab prüfen, ob Anfang, Herausforderung und irgendeine Form von Ende vorhanden sind. Wenn eines davon fehlt, fehlt es später meistens nicht zufällig, sondern spürbar.
Was die Kamera zeigt, ist nicht Technikspielerei, sondern Bedeutung
Dieses Kapitel hat mir vor allem gezeigt, dass Kameraeinstellungen nicht bloß Filmwissen für Fortgeschrittene sind, sondern eine Art visuelle Sprache. Je nachdem, wie weit ich weg bin, auf welcher Höhe ich filme und aus welchem Winkel ich eine Szene zeige, lenke ich Aufmerksamkeit, Nähe, Distanz und Wirkung. Genau das beherrsche ich bisher kaum bewusst. Ich filme oft eher funktional oder aus Gewohnheit. Für TikTok reicht das manchmal, aber sobald ein Clip mehr erzählen soll, wird klar, dass nicht nur das Motiv wichtig ist, sondern auch, wie ich es zeige. Schwenks spielen für mich dabei bisher kaum eine Rolle, höchstens mal absichtlich als Effekt. Viel wichtiger war für mich hier die Erkenntnis, dass schon ein Wechsel aus Totale, Nahaufnahme und Detail eine Szene deutlich verständlicher machen kann.
Was ich aus dem Kapitel konkret mitnehme
- Die Totale zeigt, wo etwas passiert und gibt Orientierung.
- Die Halbtotale führt Personen, Gegenstände oder Themen ein und macht die Situation lesbar.
- Amerikanisch und halbnah bringen mich näher an Menschen heran, ohne sie komplett aus dem Raum zu lösen.
- Die Naheinstellung zeigt Mimik, Reaktion und Persönlichkeit.
- Groß und Detail lenken den Blick auf Gefühle, Handlungen oder entscheidende Kleinigkeiten.
- Die Normalsicht wirkt vertraut und ruhig, weil sie unserer üblichen Wahrnehmung entspricht.
- Aufsicht, Untersicht und Froschperspektive verändern die Wirkung deutlich und sollten bewusst eingesetzt werden, nicht zufällig.
- Die Five-Shot-Regel ist für mich wahrscheinlich der praktischste Teil: Wo, wer, was, wie und dann noch ein kreatischer Zusatzshot. Das ist fast schon eine Soforthilfe gegen zu wenig brauchbares Material.
Was ich für meine Kurzclips ändern sollte
- Vor dem Dreh kurz überlegen: Welche Einstellung erklärt den Ort, welche die Person, welche die Handlung?
- Nicht nur eine Szene „irgendwie“ filmen, sondern lieber mehrere Blickwinkel derselben Handlung sammeln.
- Details gezielt mitnehmen, damit im Schnitt nicht wieder der verbindende Shot fehlt.
- Perspektiven nicht nur aus Bequemlichkeit auf Augenhöhe lassen, sondern prüfen, ob Aufsicht oder Untersicht etwas besser erzählen.
- Schwenks weiter sparsam einsetzen, eher als bewussten TikTok-Effekt, nicht als Ersatz für fehlende Einstellungen.
- Bei einfachen Clips testweise nach der Five-Shot-Regel arbeiten, damit aus Material eher ein richtiges Video wird.
Interviews
Das Kapitel zu Interviews erinnert mich vor allem daran, warum gute O-Töne in Videos oft stärker wirken als ein nachträglich eingesprochener Text. Eine sichtbare Person bringt Nähe, Haltung und Glaubwürdigkeit ins Bild, wenn sie wirklich etwas zu sagen hat. Für meine Arbeit ist das trotzdem nicht der naheliegendste Weg, weil ich selten klassische Interview-Videos mache. Interessant ist der Gedanke aber trotzdem: Ein Interview soll nicht einfach nur „auch noch rein“, sondern die Geschichte verständlicher, glaubwürdiger und lebendiger machen. Also nicht Fragen stellen, damit jemand redet, sondern damit etwas entsteht, das ich mit Kommentar allein nicht so gut transportieren könnte.
Kommentar
Das Kommentar-Kapitel ist für mich deutlich näher dran, auch wenn das Buch dabei wohl eher an den klassischen Off-Kommentar denkt. Genau so sehe ich viele meiner POV-Videos auf TikTok: als Kommentarform. Ich tauche oft gar nicht klassisch als Interviewer oder Moderator auf, sondern ordne ein, beobachte, pointiere und gebe dem Gesehenen eine Richtung. Der große Vorteil daran ist für mich, dass ich Themen schnell verdichten kann. Der Nachteil ist klar: Kommentar kann schnell zu viel erklären, zu viel behaupten oder zu weit weg vom eigentlichen Bild sein. Gerade deshalb war der Abschnitt für mich nützlich. Er schärft den Blick dafür, dass Kommentar nicht bloß Lückenfüller ist, sondern eine eigene Form mit Verantwortung. Bei meinen POV-Clips heißt das: Der Text muss das Bild führen, aber nicht erschlagen.
Warum sich „Bessere Videos drehen“ auch 2026 noch lohnt
Fairerweise ist „Bessere Videos drehen“ für 14,99 Euro auch 2026 noch ein ziemlich vernünftiger Kauf, wenn du kein Buch für den schnellsten App-Workflow suchst, sondern für sauberes Videodenken. Reinhard M. Nikschick bringt dafür das passende Profil mit: Multimedia-Produzent, Toningenieur mit Babelsberg-Hintergrund, dazu Praxis aus Produktionen für Unternehmen und Bildungseinrichtungen sowie Erfahrung beim NDR. Genau so liest sich das Buch auch. Nicht trendy, nicht creatorig geschniegelt, an einzelnen Stellen technisch inzwischen etwas gealtert, aber gerade in den Kapiteln zu Idee, Story, Bildsprache, Interviews, Kommentar und Grundstruktur erstaunlich haltbar. Wer schon alles kann, braucht es vielleicht nicht. Wer aber merkt, dass Clips oft intuitiv entstehen und genau deshalb im Schnitt etwas fehlt, bekommt hier für kleines Geld mehr Substanz als in vielen hektischen „Mach viral“-Ratgebern.



