Als wir auf Check-App über E-Rezept, CardLink und die oft erstaunlich sperrige Gesundheitsdigitalisierung in Deutschland geschrieben haben, ging es meist um eine einfache Frage: Funktioniert das Ganze im Alltag oder nur auf dem Papier? Bei den Apps auf Rezept wird diese Frage noch spannender, weil hier nicht nur Verwaltung digitalisiert werden soll. Hier soll eine App selbst Teil der Behandlung sein. Genau deshalb ist die Debatte größer geworden. Die gesetzlichen Krankenkassen haben inzwischen hohe Summen für diese Anwendungen ausgegeben und stellen das Modell nun offener infrage.
Seit 2020 können Ärztinnen und Ärzte DiGA verordnen
Die rechtliche Grundlage wurde mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz geschaffen, das Ende 2019 in Kraft trat. Praktisch sichtbar wurde das Modell 2020: Das BfArM startete den DiGA-Fast-Track am 27. Mai 2020, und im Oktober 2020 wurden die ersten Anwendungen in das offizielle Verzeichnis aufgenommen. Seitdem können bestimmte digitale Gesundheitsanwendungen, kurz DiGA, ärztlich oder psychotherapeutisch verordnet und von gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden. Das BfArM prüft dabei unter anderem Sicherheit, Datenschutz, Funktionstauglichkeit und den sogenannten positiven Versorgungseffekt.
Deutschland war Vorreiter, aber nicht mehr allein
Das Modell „Apps auf Rezept“ ist eng mit Deutschland verbunden, weil hier erstmals ein breiter Fast-Track für erstattungsfähige digitale Therapien geschaffen wurde. Inzwischen gibt es aber auch in anderen Ländern ähnliche oder verwandte Erstattungsmodelle. Frankreich und Belgien werden in europäischen Übersichten regelmäßig als weitere Beispiele genannt. Deutschland bleibt trotzdem der wichtigste Referenzmarkt, weil das System hier am sichtbarsten, am regulatorisch klarsten und mit Abstand am stärksten in die gesetzliche Versorgung eingebunden ist.
Der Markt ist kleiner und spezieller, als der Begriff vermuten lässt
Wer „Apps auf Rezept“ hört, denkt schnell an einen riesigen Gesundheits-App-Markt. Tatsächlich ist das offizielle Verzeichnis deutlich enger. Das DiGA-Verzeichnis weist aktuell 59 gelistete Anwendungen aus, davon 50 dauerhaft und 9 vorläufig aufgenommen. Besonders dominant ist der Bereich psychische Gesundheit mit 31 Anwendungen. Dahinter folgen Muskel-Skelett-Erkrankungen, urogenitale Erkrankungen und Stoffwechselthemen. Schon daran sieht man: Das System belohnt vor allem Felder, in denen sich Übungen, Psychoedukation, Symptomtracking und begleitende Therapie digital gut abbilden lassen.
Die eigentliche Kritik richtet sich auf Nutzen und Preise
Die Krankenkassen kritisieren nicht einfach pauschal digitale Therapie. Der Kern ihrer Kritik ist präziser. Erstens bemängeln sie, dass manche Anwendungen schon erstattet werden, obwohl der endgültige Nutzennachweis in der vorläufigen Phase noch nicht abgeschlossen ist. Zweitens stören sie sich an den Preisen. Der GKV-Spitzenverband verweist seit Längerem auf hohe Ausgaben und darauf, dass etliche DiGA später wieder aus dem Verzeichnis verschwunden sind. Gleichzeitig zeigt der offizielle GKV-Bericht, dass die Ausgaben seit Jahren stark steigen. Genau an dieser Stelle kippt die Debatte von der Innovationsförderung in eine Kosten-Nutzen-Diskussion.
Reddit zeigt, wo die Debatte im Alltag landet
Auf Reddit läuft die Diskussion erstaunlich bodennah. Dort geht es weniger um Paragrafen und mehr um zwei sehr konkrete Fragen. Die erste lautet: Warum kostet eine App die Kasse teils mehrere Hundert Euro, wenn vergleichbare Selbsthilfe- oder Abo-Angebote im freien Markt günstiger aussehen? Die zweite lautet: Hilft das Ding tatsächlich in einer Versorgungslücke, etwa bei langen Wartezeiten auf Therapie? Genau darin liegt der Reiz und das Problem der DiGA zugleich. Politisch werden sie als Innovation verkauft, von Nutzerinnen und Nutzern aber am Ende wie jedes andere Produkt beurteilt: Bringt es mir wirklich etwas oder ist es nur teuer reguliert?
Die Entwickler sind keine klassischen App-Store-Bastler
Ein Blick auf die Anbieter zeigt schnell, dass dieser Markt nicht aus kleinen Hobbyprojekten besteht. Hinter den DiGA stehen spezialisierte Digital-Health-Unternehmen wie GAIA AG, GET.ON, Sympatient, Vivira Health Lab, Mindable Health, mementor, Synaptikon oder kaia health software. Wer in das Verzeichnis will, braucht regulatorische Kompetenz, medizinische Dokumentation, Studien und belastbare Prozesse. Das erklärt auch, warum sich das Feld stark auf einige professionelle Anbieter konzentriert und nicht wie ein normaler App-Store wirkt.
Diese Apps zeigen, wie unterschiedlich das DiGA-System inzwischen geworden ist
Hier die Liste im gewünschten Format. Ich habe sie als starke Auswahl gebaut, damit der Beitrag lesbar bleibt und zugleich die wichtigsten Bereiche abdeckt.
- deprexis — GAIA AG — digitale Unterstützung bei Depressionen, webbasiert, verordnungsfähig für 90 Tage — 228,00 Euro pro Verordnung.
- somnio — mementor DE GmbH — digitale Therapie bei Schlafstörungen, auf Basis verhaltensbezogener Ansätze, 90 Tage — 224,99 Euro.
- HelloBetter Schlafen — GET.ON Institut für Online Gesundheitstrainings GmbH — Online-Programm gegen Insomnie/Schlafstörungen, 90 Tage — 241,25 Euro.
- Vivira — Vivira Health Lab GmbH — bewegungstherapeutische App bei Rückenschmerzen, mit täglichen Übungen und Verlaufsabfrage, 90 Tage — 206,79 Euro.
- Kaia Rückenschmerzen – Rückentraining für Zuhause — kaia health software GmbH — multimodale Therapie bei nicht-spezifischen Rückenschmerzen, mit Bewegung, Wissen und Entspannung — Preis im Verzeichnis geführt, die App ist verordnungsfähig; im aktuellen Snippet war der Preis nicht vollständig sichtbar.
- Mawendo — Mawendo GmbH — digitale Unterstützung bei Knieschmerzen, webbasiert, Einmallizenz — 119,00 Euro.
- Invirto – Die Therapie gegen Angst — Sympatient GmbH — App-gestützte Behandlung von Angststörungen mit punktueller Begleitung und VR-Brille — Preis im hier geladenen Auszug nicht sichtbar, DiGA aber offiziell gelistet.
- velibra — GAIA AG — webbasiertes Programm bei generalisierter Angststörung, Panikstörung und sozialer Angststörung, 90 Tage — Preis im hier geladenen Auszug nicht sichtbar.
- Mindable: Soziale Phobie — Mindable Health GmbH — digitale Verhaltenstherapie-Elemente bei sozialer Phobie, 90 Tage — 765,00 Euro.
- NeuroNation MED — Synaptikon GmbH — personalisiertes kognitives Training bei kognitiven Beeinträchtigungen, 90 Tage — 229,00 Euro.
- HelloBetter Chronische Schmerzen — GET.ON Institut für Online Gesundheitstrainings GmbH — psychologisch orientiertes Programm bei chronischen Schmerzen, 90 Tage — 235,00 Euro.
- HelloBetter Vaginismus Plus — GET.ON Institut für Online Gesundheitstrainings GmbH — digitale Unterstützung bei Vaginismus, mit Übungen und psychoedukativen Inhalten, 90 Tage — 235,00 Euro.
An der Liste sieht man das Grundproblem sofort
Die Spannweite ist enorm. Manche Anwendungen liegen grob im Bereich um 200 bis 250 Euro pro Verordnung, andere deutlich darüber. Besonders auffällig ist das bei einzelnen psychischen Indikationen. Genau hier bekommen die Kassen ihr schärfstes Argument: Für Versicherte sind die Apps zwar kostenlos, weil die gesetzliche Kasse zahlt. Für das System insgesamt summieren sich diese Beträge aber schnell zu einem großen Ausgabenblock. Dazu kommt, dass die Anwendungen sehr unterschiedlich aufgebaut sind. Manche sind nah an klassischer digitaler Therapie, andere wirken eher wie strukturierte Begleitprogramme mit Wissensmodulen, Übungen und Tracking.
Check-App meint:
Die eigentliche Frage ist banaler, als es die Kassen-Debatte vermuten lässt. Hilft so eine App im Alltag wirklich oder nicht? Wer monatelang auf Termine wartet, interessiert sich nicht zuerst für Erstattungslogik, sondern dafür, ob die Anwendung schnell verfügbar ist, sauber läuft und am Ende mehr bringt als ein paar Übungen im schickeren Interface. Genau daran entscheidet sich, ob Apps auf Rezept ein sinnvolles Werkzeug sind oder nur ein teures Digitalprojekt.



