Ein grüner Fleck zwischen lauter Rot und Orange, und ja, auf dem Foto ist HEM mal wieder vorn. Das klingt jetzt fast schon verdächtig freundlich, aber keine Sorge: Ich kann bei Tank-Apps auch anders. Gerade weil ich die HEM-App seit einigen Monaten aufmerksam verfolge, fällt mir inzwischen ziemlich genau auf, was sie gut macht – und was eben weiterhin fehlt. Denn nit Tank-Apps ist es inzwischen ein bisschen wie mit Wetter-Apps vor zehn Jahren. Sie zeigen dir sehr genau, was gerade ist, wirken dabei technisch souverän und lassen doch die entscheidende Frage offen. Bei Regen interessiert mich am Ende nicht nur, ob es gerade nieselt. Ich will wissen, ob ich in zwanzig Minuten ohne Jacke loskomme. Beim Tanken ist es ähnlich. Ich will nicht nur sehen, dass Diesel hier 2,31 Euro kostet und dort 2,27 Euro. Ich will wissen, ob ich jetzt tanken sollte oder besser noch kurz warte. Genau an diesem Punkt endet die Hilfe fast aller Tank-Apps bis heute.

Die HEM App ist dafür ein gutes Beispiel, gerade weil sie sich in den letzten Monaten sichtbar verbessert hat. Die Verbindung aus Tiefpreisgarantie und App-Zahlung war der große fehlende Schritt, der inzwischen umgesetzt wurde. Dazu kamen neue Übersichten für Tankstellen im Umkreis, Sortierung nach Preis oder Entfernung und ein insgesamt schlichter, alltagstauglicher Ansatz. Das ist alles sinnvoll, und genau deshalb wird die nächste Lücke jetzt noch deutlicher sichtbar. Die App kann mir günstige Preise zeigen. Sie kann mir einen günstigen Preis sichern. Sie sagt mir aber immer noch nicht, ob der richtige Moment zum Tanken vielleicht erst in 30 oder 90 Minuten ist.

Seit April gilt die neue 12-Uhr-Regel, aber schlauer wird das Tanken dadurch noch nicht

Seit dem 1. April 2026 dürfen Tankstellen in Deutschland ihre Spritpreise nur noch einmal täglich erhöhen, und zwar um 12 Uhr mittags. High Noon? Senkungen sind weiterhin jederzeit möglich. Die Idee dahinter klingt erst einmal vernünftig: weniger wild-westliches Auf und Ab, mehr Transparenz, weniger Nervenzusammenbruch beim Blick auf die Preistafel erspart uns das aktuell aber auch nicht.

Nur ist eine klare Regel noch kein intelligenter Helfer. Denn die neue Ordnung sagt mir nicht automatisch, was ich als Fahrer daraus machen soll. Sie verschiebt nur das Spielfeld. Wenn Preiserhöhungen auf 12 Uhr gebündelt werden, ist der Zeitpunkt plötzlich viel wichtiger als vorher. Wer um 11:50 Uhr tankt, kann unter Umständen besser fahren als jemand, der zehn Minuten später an derselben Säule steht. Der ADAC weist bereits darauf hin, dass seit der Reform gerade der Zeitraum kurz vor Mittag relevant geworden ist und dass die Wirkung der Regel auf das tatsächliche Preisniveau umstritten bleibt. Das ist der Punkt, an dem Preis-Apps eigentlich aufwachen müssten.

Tank-Apps zeigen Gegenwart, aber kaum Zukunft

Genau hier wird es für HEM, Clever Tanken, ADAC Drive und praktisch die ganze Kategorie unangenehm. Diese Apps arbeiten vor allem mit Live- und Vergleichsdaten. Das ist nützlich, aber mehr auch nicht. Sie beantworten das „Wo“ ziemlich ordentlich. Das „Wann“ bleibt dagegen erstaunlich unterentwickelt. Selbst dort, wo eine Tiefpreisgarantie angeboten wird, ist das am Ende eher ein Schutzschild gegen Schwankungen als eine echte Entscheidungshilfe. Die App nimmt dir etwas Unsicherheit ab, aber sie prognostiziert nichts.

Das merkt man auch an den aktuellen Nutzerbewertungen. Dort geht es um Preisabweichungen, Android Auto, fehlerhafte Tankstellenanzeigen, fehlende Kraftstoffarten oder die Frage, warum ein Vergleich an einer Stelle andere Ergebnisse liefert als in einer anderen App. Das alles sind typische Symptome einer Gattung, die sehr stark auf die saubere Darstellung von Ist-Daten optimiert ist. Sobald es darüber hinausgeht, wird es dünn. Eine App kann heute oft sagen, was jetzt günstig ist. Sie kann aber kaum sagen, ob es in einer Stunde noch günstiger wird. Und genau diese Frage ist nach der 12-Uhr-Regel nicht kleiner, sondern größer geworden.

Und ganz ehrlich: Wir reden hier von einem Markt, in dem seit Jahren jede Preisänderung zentral gemeldet wird, in dem Apps Millionen Datenpunkte sammeln und Nutzerverhalten gleich mitgeliefert wird. Ich saß vor über 15 Jahren in Big-Data-Schulungen bei Microsoft – das hier ist kein Neuland. Umso erstaunlicher ist es, wie wenig davon beim Nutzer ankommt. Statt aus diesem Datenschatz echte Entscheidungen abzuleiten, bleiben die meisten Apps beim Anzeigen von Momentaufnahmen stehen. Technisch wäre mehr drin. Deutlich mehr.

Die eigentlich spannende Funktion wäre eine Preisprognose

Wenn Tank-Apps im Alltag wirklich klüger werden sollen, dann liegt die nächste sinnvolle Funktion nicht in noch mehr Pins auf der Karte, noch mehr Badges oder noch einer hübscheren Sortierung nach Entfernung. Klar, man könnte sich auch vorstellen, dass die App mir die Laufdistanz zur nächsten Tankstelle berechnet und dabei „I’m Walking“ im Hintergrund startet – nette 90er-Vibes, aber am eigentlichen Problem geht das ziemlich elegant vorbei. Entscheidend ist nicht, wie ich zur Tankstelle komme, sondern ob ich überhaupt jetzt schon hin sollte. Genau da beginnt die Lücke, die bisher keine dieser Apps wirklich schließt.

Die naheliegende Weiterentwicklung wäre eine Prognose. Keine Glaskugel, kein Esoterik-Knopf, sondern eine datenbasierte Einschätzung. Also etwa: „An dieser Station ist der Preis heute in den letzten Wochen meist nach 13 Uhr gesunken“ oder „Im Umfeld dieser Route ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es in 45 Minuten günstiger wird.“ Das wäre erstmals mehr als ein Preisvergleich. Es wäre ein echter Entscheidungshelfer.

Technisch ist so etwas keineswegs absurd. Aktuelle Forschung zu Kraftstoffpreisen zeigt, dass sich stationenscharfe Preisentwicklungen modellieren lassen und dass räumliche Konkurrenzbeziehungen zwischen Tankstellen dabei eine wichtige Rolle spielen. Anders gesagt: Preise entstehen nicht isoliert, sondern reagieren auf Nachbarn, Standortstruktur und lokale Dynamik. Genau solche Muster lassen sich mit Zeitreihenmodellen und maschinellem Lernen zumindest teilweise vorhersagen. Das ersetzt keine exakte Gewissheit, macht Prognosen aber grundsätzlich möglich.

Warum es diese Funktion trotzdem kaum gibt

Die Antwort ist relativ einfach und ziemlich deutsch. Eine Prognose ist nützlich, aber nie unfehlbar. Wer nur Ist-Preise anzeigt, kann sich auf gemeldete Daten berufen. Wer eine Zukunftsaussage macht, bewegt sich in Wahrscheinlichkeiten. Und Wahrscheinlichkeiten sind unangenehm, sobald Nutzer sie als Versprechen lesen. Wenn eine App sagt, dass es wahrscheinlich günstiger wird, und dann passiert das nicht, ist der Ärger sofort da. Der Screenshot ist schneller gemacht als der Algorithmus erklärt. Genau deshalb bleiben viele Anbieter lieber bei sicheren Live-Daten, auch wenn diese das eigentliche Alltagsproblem nur teilweise lösen. Die Schlussfolgerung liegt nahe, auch wenn sie von den App-Anbietern so natürlich nicht offen formuliert wird.

Dazu kommt, dass sich die neue 12-Uhr-Regel zwar simpel anhört, die tatsächliche Preisbildung aber nicht plötzlich banal macht. Preissenkungen sind weiterhin jederzeit möglich. Das heißt: Auch mit festem Erhöhungszeitpunkt bleibt genug Bewegung im System, um eine saubere Prognose anspruchsvoll zu machen. Man braucht historische Daten, lokale Muster, Konkurrenzbeobachtung und am besten noch die Fähigkeit, Ausreißer zu erkennen. Ein Wochenende mit Ferienverkehr oder eine merkwürdige Preisstellung einer einzelnen Station reichen schon, um einfache Regeln lächerlich aussehen zu lassen. Die gute Nachricht ist nur: Genau darin läge endlich mal echter App-Mehrwert.

Für HEM wäre das die spannendere nächste Ausbaustufe als jedes kleine UI-Update

Gerade weil die HEM App zuletzt sinnvoll nachgebessert wurde, darf man die nächste Frage stellen. Nicht boshaft, nicht als billigen Nörgler-Move, sondern logisch. Die App hat ihre frühere Schwäche beim Zusammenspiel aus Tiefpreisgarantie und mobiler Zahlung weitgehend beseitigt. Schön. Jetzt beginnt die nächste Baustelle. Wenn Tanken per App wirklich komfortabler und intelligenter werden soll, dann reicht es nicht, den günstigsten Preis im Moment zu zeigen. Dann müsste die App anfangen, den richtigen Zeitpunkt mitzudenken. Das wäre auch im Wettbewerb ein viel stärkeres Signal als die übliche Aufzählung aus Preisvergleich, Belegarchiv und Favoritenliste. Alles nett, aber eben auch alles erwartbar.

Und ja, natürlich hätte so eine Funktion Grenzen. Niemand braucht eine Tank-App, die mit dem Pathos einer Börsenanalyse auftritt und in drei roten Pfeilen die Zukunft erklärt. Aber ein nüchterner Hinweis würde schon reichen. Etwa: „Heute ist Tanken an deinem Standort erfahrungsgemäß vor 12 Uhr günstiger“ oder „Im Zielgebiet deiner Route sinken die Preise meist am frühen Nachmittag.“ Das wäre keine Magie. Es wäre einfach eine App, die endlich versteht, welche Frage im Alltag wirklich gestellt wird.

Download der App

HEM - günstig tanken
HEM - günstig tanken
Entwickler: Deutsche Tamoil GmbH
Preis: Kostenlos
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Entwickler: Deutsche Tamoil GmbH
Preis: Kostenlos

Fazit: Die HEM App ist besser geworden, aber die eigentliche Lücke bleibt offen

Die HEM App ist heute deutlich näher am realen Nutzungsverhalten als noch vor einigen Monaten. Genau deshalb sieht man jetzt klarer, was ihr wie fast allen Tank-Apps weiterhin fehlt. Sie kann Preise anzeigen, sie kann sparen erleichtern, sie kann Bezahlung integrieren. Aber sie kann mir immer noch nicht sagen, wann ich tanken sollte. Und seit der neuen 12-Uhr-Regel ist das keine theoretische Nerd-Frage mehr, sondern eine ziemlich praktische.

Vielleicht liegt genau darin die nächste sinnvolle Entwicklungsstufe. Nicht noch mehr Gegenwart auf dem Display, sondern ein vorsichtiger, ehrlicher Blick in die nahe Zukunft. Denn günstig tanken ist schön. Zur richtigen Zeit günstig tanken wäre besser. Und wer das zuerst brauchbar hinbekommt, hätte tatsächlich mehr gebaut als nur die nächste Tank-App.

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