Auf TikTok erzählen gerade viele Nutzer dasselbe: Der Kleiderschrank ist ausgemistet, 30, 40 oder 50 Artikel stehen bei Vinted online, die Fotos sind ordentlich, die Marken nicht völlig unbekannt – und trotzdem passiert fast nichts. Keine Verkäufe, kaum Nachrichten, höchstens ein paar Favorisierungen, die am Ende auch nur herumliegen wie alte Kassenzettel.

Das fühlt sich besonders frustrierend an, weil Vinted früher für viele deutlich einfacher war. Teil einstellen, ein paar Likes bekommen, kurz verhandeln, verkaufen. Heute wirkt es bei manchen eher so, als würde man seine Kleidung in eine riesige Halle werfen und hoffen, dass jemand zufällig genau dieses eine Shirt findet.

Ganz aus dem Nichts kommt das nicht. Schon im Beitrag „Vinted und Kleinanzeigen: Warum gebrauchte Kleidung plötzlich kaum noch etwas wert ist“ ging es darum, warum Second-Hand-Kleidung inzwischen oft kaum noch Geld bringt. Jetzt kommt ein zweites Problem dazu: Viele Verkäufer bekommen nicht einmal mehr genug Bewegung auf ihre Anzeigen.

Vinted ist nicht tot, aber dein Angebot kann trotzdem untergehen

Die kurze Antwort auf die TikTok-Frage lautet: Nein, Vinted ist nicht tot. Die Plattform wächst weiter, macht hohe Umsätze und verbindet immer mehr Märkte miteinander. Das Problem liegt eher auf der Verkäuferseite. Dort fühlt sich Vinted für viele schlechter an, weil die Konkurrenz deutlich größer geworden ist.

Mehr Nutzer bedeuten eben nicht automatisch, dass jeder mehr verkauft. Wenn gleichzeitig viel mehr Kleidung eingestellt wird, verteilt sich die Aufmerksamkeit auf viel mehr Angebote. Für Käufer ist das bequem. Für Verkäufer ist es brutal.

Ein einzelner Hoodie steht heute nicht mehr gegen ein paar ähnliche Teile aus der Umgebung. Er steht gegen Angebote aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und je nach Kategorie gegen eine absurd große Menge ähnlicher Kleidung. Genau da beginnt das Problem.

Favorisierungen sind kein Verkaufssignal mehr

Viele Verkäufer wundern sich, weil ihre Artikel durchaus favorisiert werden. 10, 15 oder 20 Herzen sehen erstmal gut aus. Verkauft ist dadurch aber nichts.

Auf Vinted ist ein Favorit oft nur ein Parkplatz. Nutzer speichern Teile ab, vergleichen später Preise, warten auf ein Angebot oder sammeln einfach Optionen. Manche nutzen Favoriten auch als Verhandlungsstart: Erst merken, dann warten, ob der Verkäufer den Preis senkt.

Deshalb ist ein Artikel mit vielen Favoriten nicht automatisch gefragt. Manchmal zeigt er eher, dass viele ihn interessant finden, aber niemand den Preis stark genug findet, um wirklich zu kaufen.

Die internationale Öffnung macht Vinted voller

Viele Kommentare drehen sich um Frankreich und Italien. Das ist kein Zufall. Vinted hat den deutschen Markt stärker mit anderen Ländern verbunden, später kam auch Österreich dazu. Dadurch sehen Käufer mehr Angebote, aber deutsche Verkäufer stehen auch in einem größeren Wettbewerb.

Das kann besonders nerven, wenn man nach „normalen“ Artikeln sucht und plötzlich sehr viele Treffer aus dem Ausland sieht. Für Käufer ist das mehr Auswahl. Für Verkäufer ist es mehr Preisdruck.

Wer früher lokal oder national sichtbar war, konkurriert heute schneller mit Leuten, die ähnliche Kleidung günstiger einstellen oder größere Mengen anbieten. Vinted wirkt dadurch nicht leerer, sondern voller. Genau das ist das Problem.

Versandkosten machen viele Schnäppchen kaputt

Der vielleicht wichtigste Punkt bleibt der Gesamtpreis. Ein Shirt für 3 Euro klingt günstig. Mit Versand und Käuferschutz landet der Käufer aber schnell bei 7, 8 oder 10 Euro. Bei Kinderkleidung, Basics oder Fast Fashion kippt die Rechnung dann sehr schnell.

Für Verkäufer fühlt sich das unfair an, weil sie den Artikelpreis schon stark gesenkt haben. Käufer sehen aber nicht nur den Artikelpreis. Sie sehen den Endpreis. Und wenn ein gebrauchtes Teil fast so viel kostet wie Neuware im Sale, wird nicht gekauft.

Das trifft vor allem einfache Kleidung. Ein normales T-Shirt, ein schlichter Pulli oder eine ältere Jeans brauchen einen klaren Preisvorteil. Sonst bleibt das Herzchen da, aber der Verkauf kommt nicht.

„Bekannte Marke“ reicht nicht mehr

Viele Verkäufer schreiben sinngemäß: Das ist doch kein Schrott, das sind Markenklamotten. Verständlich. Nur heißt „Marke“ auf Vinted nicht automatisch „verkauft sich gut“.

Ein Carhartt-Pulli, eine Zara-Jacke oder ein Nike-Shirt können funktionieren. Sie können aber genauso liegen bleiben, wenn Preis, Zustand, Größe, Saison oder Konkurrenz nicht passen. Der frühere Neupreis spielt kaum eine Rolle. Entscheidend ist, was vergleichbare Teile jetzt kosten.

Gerade bei normaler Alltagskleidung ist der Markt gnadenlos. Käufer suchen nicht nach der Geschichte des Artikels. Sie vergleichen Angebot, Versand, Risiko und Preis.

Alte Anzeigen verlieren schnell an Schwung

Ein häufiger Tipp lautet: Artikel löschen und neu einstellen. Das ist etwas nervig, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen. Frische Anzeigen bekommen meist eher Aufmerksamkeit als alte Angebote, die seit Wochen herumliegen.

Ob Vinted alte Anzeigen aktiv benachteiligt, lässt sich von außen nicht sicher sagen. Klar ist aber: In einem überfüllten Marktplatz verschwinden ältere Angebote schnell in der Masse. Wenn ein Artikel lange online ist, viele Favoriten hat und trotzdem niemand kauft, hilft manchmal ein Neustart mit besseren Fotos, neuem Preis und klarerer Beschreibung.

Einfach nur denselben Artikel immer wieder neu einzustellen, löst aber nicht das Grundproblem. Wenn der Preis nicht passt, verkauft er sich auch beim dritten Upload nicht magisch besser.

Was auf Vinted noch funktionieren kann

Vinted funktioniert weiterhin, nur eben nicht mehr so locker wie früher. Bessere Chancen haben Teile, die entweder sehr günstig sind oder wirklich gesucht werden. Dazu gehören bestimmte Marken, Vintage-Stücke, Sneaker, Outdoor-Kleidung, Kinderpakete, saisonale Kleidung oder Artikel, die gerade im Trend sind.

Bei günstigen Teilen können Bundles helfen. Ein einzelnes Shirt für 2 Euro lohnt sich wegen Versand kaum. Drei oder vier Teile zusammen wirken für Käufer deutlich attraktiver. Auch klare Größenangaben, echte Fotos statt dunkler Zimmerbilder und ehrliche Zustandsbeschreibungen machen einen Unterschied.

Wichtig ist außerdem der Zeitpunkt. Winterjacken im Juni liegen herum. Sommerkleider im März können zu früh sein. Kinderkleidung läuft oft besser in Paketen. Männerkleidung ist schwieriger, weil die Nachfrage auf Vinted in vielen Bereichen kleiner wirkt.

Wann eBay oder Kleinanzeigen besser sein können

Dass manche inzwischen mehr auf eBay verkaufen, ist gar nicht so absurd. eBay hat eine andere Suche, andere Käufer und bei manchen Kategorien mehr Kaufabsicht. Wer gezielt nach einer Marke, einem Modell oder einer Größe sucht, landet dort eher mit konkretem Kaufinteresse.

Kleinanzeigen kann bei größeren Paketen, Schuhen, Jacken oder lokalen Verkäufen besser sein, weil Versand und Käuferschutz nicht immer den Preis kaputtmachen. Dafür gibt es dort mehr „Noch da?“-Theater. Irgendein Leid ist immer im Paket enthalten, sonst wäre es kein Online-Marktplatz.

Für sehr günstige Einzelteile ist Vinted oft nur noch dann sinnvoll, wenn man mehrere Artikel kombiniert oder wirklich keinen Zeitdruck hat.

Was Verkäufer jetzt konkret tun können

Der erste Schritt ist brutal ehrlich: Den eigenen Preis nicht am früheren Neupreis messen, sondern an vergleichbaren aktiven Angeboten. Wenn ähnliche Teile für 5 Euro online stehen, bringt ein Preis von 18 Euro wenig, auch wenn das Teil mal 49,99 Euro gekostet hat.

Zweitens sollte der Endpreis mitgedacht werden. Artikelpreis plus Versand muss für Käufer noch logisch wirken. Gerade bei Basics kann ein Bundle besser sein als zehn einzelne Mini-Angebote.

Drittens lohnt es sich, alte Anzeigen zu überarbeiten. Bessere Fotos, kürzerer Titel, klare Marke, Größe, Zustand und Material. Nicht zu viel Text, aber genug Information. Niemand will bei einem 6-Euro-Shirt eine Doktorarbeit lesen.

Viertens: Saison ernst nehmen. Jacken, Stiefel, Kleider, Sportkleidung und Kinderkleidung laufen zu bestimmten Zeiten besser. Wer komplett an der Saison vorbei einstellt, wartet länger.

Fazit: Vinted ist voller geworden, nicht leerer

Der Frust vieler Verkäufer ist echt. Trotzdem ist Vinted nicht einfach tot. Die Plattform ist größer, internationaler und voller geworden. Genau dadurch wird sie für normale private Verkäufer schwieriger.

Früher reichte es oft, gepflegte Kleidung einzustellen und etwas Geduld zu haben. Heute konkurriert jeder Artikel mit viel mehr ähnlichen Angeboten. Favoriten bedeuten wenig, Versandkosten drücken den Kaufanreiz, und normale Markenware ist längst keine Garantie mehr.

Wer auf Vinted noch verkaufen will, muss realistischer kalkulieren und stärker wie ein Käufer denken. Nicht: „Was war das mal wert?“ Sondern: „Warum sollte jemand genau dieses Teil jetzt kaufen, obwohl Versand dazukommt und es zehn ähnliche Angebote gibt?“

Das ist unbequem, aber ziemlich ehrlich. Vinted ist nicht verschwunden. Nur der einfache Second-Hand-Verkauf von früher ist es für viele Nutzer offenbar schon.

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