Mit Wero will Europa unabhängiger von PayPal, Visa, Mastercard, Apple Pay und anderen internationalen Zahlungsdiensten werden. Das klingt nach großem Plan, nach digitaler Souveränität und nach einer längst überfälligen Alternative im Zahlungsverkehr. Jetzt macht die ING Deutschland den nächsten Schritt: Kunden der Bank können Wero nicht mehr nur für Zahlungen zwischen Privatpersonen nutzen, sondern auch beim Online-Shopping.

Das ist auf dem Papier relevant. In der Praxis stellt sich aber eine ziemlich einfache Frage: Wer kennt Wero überhaupt?

ING schaltet Wero für den Onlinehandel frei

Die ING Deutschland hat am 3. Juni 2026 mitgeteilt, dass Wero-Zahlungen nun auch bei teilnehmenden Onlinehändlern möglich sind. Bisher war Wero bei der ING vor allem für Peer-to-Peer-Zahlungen gedacht, also für Geldsendungen zwischen Privatpersonen. Seit August 2025 ist Wero in die ING-App integriert. Nun kommt der E-Commerce dazu.

Beim Online-Shopping soll der Ablauf vergleichsweise einfach sein: Im Shop Wero als Zahlungsmethode auswählen, anschließend in die ING-App wechseln oder einen QR-Code scannen und die Zahlung dort freigeben. Laut ING erfolgt die Zahlung direkt vom Girokonto, ohne zusätzliche Wallet und ohne internationalen Zahlungsdienstleister dazwischen. Die Transaktion soll in der Regel innerhalb von zehn Sekunden abgewickelt sein.

Bereits möglich ist die Zahlung laut ING unter anderem bei Eventim. IKEA Deutschland und der Lidl Online-Shop sollen folgen. Weitere Händler sind angekündigt.

600.000 aktivierte ING-Kunden klingen gut – sagen aber noch nicht viel

Die ING nennt rund 600.000 Kundinnen und Kunden, die Wero bereits aktiviert haben. Das entspreche etwa 15 Prozent der Girokonto-Inhaber der Bank. Das klingt zunächst ordentlich, vor allem für einen neuen Zahlungsdienst. Gleichzeitig sollte man diese Zahl vorsichtig lesen.

Aktiviert ist nicht genutzt.

Gerade bei Banking-Apps kann eine Aktivierung schnell passieren: Hinweis in der App, ein paar Klicks, Zustimmung zu Bedingungen, fertig. Daraus entsteht aber noch keine Gewohnheit. Entscheidend wird nicht sein, wie viele Menschen Wero einmal eingeschaltet haben, sondern wie viele damit tatsächlich regelmäßig zahlen.

Und genau hier beginnt das Problem: PayPal ist in Deutschland seit Jahren gelernt. Kreditkarten, Apple Pay, Google Pay, Klarna und Händler-Apps sind ebenfalls etabliert. Wero kommt nicht in einen leeren Markt. Wero muss Nutzer überzeugen, ihr gewohntes Zahlungsverhalten zu ändern. Das ist deutlich schwieriger als eine Funktion in eine Banking-App zu setzen.

Der größte Vorteil ist auch das größte Kommunikationsproblem

Wero setzt auf Konto-zu-Konto-Zahlungen in Echtzeit. Die European Payments Initiative beschreibt Wero als europäische Account-to-Account-Lösung auf Basis von Instant Payments. Ziel ist eine einheitliche europäische Zahlungslösung für Zahlungen zwischen Personen, im Onlinehandel und später auch im stationären Handel.

Das ist strategisch sinnvoll. Europa ist im Zahlungsverkehr stark abhängig von nicht-europäischen Anbietern. Eine eigene Infrastruktur kann für Banken, Händler und Verbraucher langfristig wichtig werden.

Für normale Nutzer klingt das aber erstmal abstrakt.

Niemand steht abends im Online-Shop und denkt: „Ich brauche jetzt eine paneuropäische Instant-Payment-Infrastruktur.“ Nutzer denken eher: Geht schnell? Ist sicher? Kenne ich das? Bekomme ich mein Geld zurück, wenn etwas schiefläuft?

Und genau an diesem Punkt wirkt Wero noch unfertig erklärt.

Wero ist nicht einfach „das europäische PayPal“

Oft wird Wero als europäische PayPal-Alternative beschrieben. Das ist verständlich, aber auch gefährlich. Denn wer PayPal sagt, weckt Erwartungen.

PayPal steht für viele Nutzer nicht nur für Bezahlen. PayPal steht für Komfort, breite Akzeptanz, Login per E-Mail-Adresse, Zahlungen ohne IBAN, schnelle Rückerstattungen und vor allem für ein subjektives Sicherheitsgefühl. Ob dieses Gefühl immer berechtigt ist, ist eine andere Frage. Aber es ist da.

Wero muss sich daran messen lassen.

Aktuell wirkt Wero eher wie eine modernisierte Echtzeitüberweisung mit europäischem Markenauftritt. Technisch kann das sehr sinnvoll sein. Emotional ist es aber schwach. Denn wenn Nutzer Wero als „Überweisung mit anderem Logo“ wahrnehmen, entsteht kein Wechselgrund.

Telefonnummer, Kontakte, Adressbuch: Hier wird es heikel

Bei der ING heißt es: Für Wero-Zahlungen zwischen Privatpersonen braucht man nur die Handynummer der Kontaktperson. Die Telefonnummer ersetzt dabei praktisch die IBAN. Optional nennt die ING eine deutsche Telefonnummer und Zugriff auf Telefonbuchkontakte für die Empfängerauswahl; Wero prüft dabei, welche Kontakte bereits registriert sind.

Genau hier dürften viele Nutzer aussteigen.

Nicht jeder möchte seine Telefonnummer als Zahlungs-Identifier nutzen. Nicht jeder möchte seiner Banking-App Zugriff auf Kontakte geben. Und nicht jeder versteht sofort, welche Daten wohin gehen, was lokal geprüft wird und was dauerhaft verarbeitet wird. Selbst wenn die technische Umsetzung sauber ist, bleibt ein kommunikatives Problem: Bei Geld und Kontakten sind Nutzer empfindlich. Zu Recht.

ING betont in der Pressemitteilung, dass Kundendaten bei den jeweiligen Banken verbleiben und nicht an Drittanbieter weitergegeben werden. Das ist wichtig.
Trotzdem reicht ein solcher Satz nicht automatisch, um Vertrauen zu schaffen. Gerade weil Wero als neues System erst erklärt werden muss.

Der Onlinehandel ist der richtige Test

Dass Wero nun im Onlinehandel startet, ist der entscheidende Schritt. Zahlungen zwischen Freunden sind nett, aber dafür gibt es bereits viele Lösungen: PayPal, Echtzeitüberweisung, Banking-App, manchmal sogar noch Bargeld. Im E-Commerce dagegen kann Wero zeigen, ob es wirklich alltagstauglich ist.

Der Ablauf muss dafür brutal einfach sein:

Online-Shop öffnen. Wero auswählen. App bestätigen. Fertig.

Wenn das zuverlässig funktioniert, schnell ist und keine zusätzlichen Konten oder Karten benötigt, hat Wero eine Chance. Gerade für Nutzer, die keine Kreditkarte einsetzen möchten oder PayPal skeptisch sehen, kann das interessant werden.

Aber: Händlerakzeptanz entscheidet alles. Ein Zahlungsdienst, den man nur bei wenigen Shops sieht, bleibt unsichtbar. Sichtbarkeit entsteht erst, wenn Wero im Checkout regelmäßig neben PayPal, Kreditkarte, Klarna und Apple Pay auftaucht.

Das Europa-Argument ist stark – aber nicht stark genug

Man kann Wero durchaus positiv sehen. Eine europäische Zahlungsalternative ist kein schlechter Gedanke. Die Abhängigkeit von US-Zahlungsdiensten ist real. Händler zahlen Gebühren, Zahlungsdaten sind wertvoll, digitale Infrastruktur ist Macht.

Aber aus Nutzersicht reicht „Made in Europe“ allein nicht.

Wero muss besser erklären, warum man es verwenden soll. Nicht auf Bankendeutsch. Nicht mit Infrastruktur-Rhetorik. Sondern ganz schlicht:

  • Was passiert, wenn die Ware nicht kommt?
  • Wie laufen Rückerstattungen?
  • Muss ich meine Telefonnummer nutzen?
  • Warum braucht die App Zugriff auf Kontakte?
  • Kann ich Wero mit mehreren Konten verwenden?
  • Was ist der Vorteil gegenüber PayPal?
  • Was ist der Vorteil gegenüber Apple Pay oder Kreditkarte?
  • Wo kann ich damit überhaupt bezahlen?

Solange diese Fragen nicht klar beantwortet sind, bleibt Wero für viele Menschen ein Name, den sie vielleicht einmal in der Banking-App gesehen haben.

Fazit: Wero wird wichtiger – aber noch nicht automatisch relevant

Der Start von Wero im Onlinehandel bei der ING ist ein wichtiger Schritt. Eventim, später IKEA und Lidl: Das sind Namen, mit denen ein Zahlungsdienst sichtbarer werden kann. Auch die Zahl von 600.000 aktivierten ING-Kunden zeigt, dass Wero nicht komplett im luftleeren Raum startet.

Trotzdem bleibt der entscheidende Punkt: Bekanntheit ist nicht Nutzung. Aktivierung ist nicht Vertrauen. Und europäische Herkunft ist noch kein Produktvorteil.

Wero hat strategisch Sinn. Europa braucht eigene digitale Zahlungswege. Aber normale Nutzer wechseln nicht aus geopolitischem Pflichtgefühl die Bezahlmethode. Sie wechseln, wenn etwas einfacher, sicherer, schneller oder spürbar besser ist.

Im Moment ist Wero vor allem ein Versprechen. Der Onlinehandel wird zeigen, ob daraus ein echter Zahlungsalltag wird – oder nur ein weiterer Button im Checkout, den viele sehen und trotzdem nicht anklicken.

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