Die Idee klingt weiterhin stark: Am Wochenende den DB Navigator öffnen, ein Ticket für die folgende Woche buchen und ab 6,99 Euro mit ICE oder IC durch Deutschland fahren. Keine monatelange Planung, kein panischer Frühbuchertermin – einfach spontan entscheiden und günstig losfahren.
Doch inzwischen häufen sich Erfahrungen, die deutlich weniger werbetauglich klingen. In einem aktuellen TikTok berichtet eine Nutzerin, sie habe bewusst kein Ticket nach Hamburg vorab gekauft, weil sie auf den Last-Minute-Sparpreis der Deutschen Bahn setzen wollte. Das Ergebnis: sehr hohe Preise und günstigere Verbindungen hauptsächlich dann, wenn die Ankunft mitten in der Nacht liegt.
Damit stellt sich gut zwei Monate nach dem Start eine andere Frage als noch bei unseren Check im Mai: Ist der Super Sparpreis Last Minute wirklich ein Angebot für spontane Reisende – oder verkauft die Bahn damit vor allem Restplätze in Zügen, die zu normalen Uhrzeiten kaum jemand nehmen möchte?
In unserem ersten Praxischeck hatten wir den neuen DB-Tarif bereits auf der Strecke Berlin–Dresden ausprobiert. Damals waren tatsächlich Tickets ab 9,99 Euro pro Strecke sichtbar. Der Aktionspreis war also real. Nun zeigt sich aber deutlicher, wie stark das Ergebnis von Strecke, Uhrzeit und Auslastung abhängt.
Mehr als 150.000 Tickets an den ersten beiden Wochenenden
Von einem völligen Flop kann keine Rede sein. Die Deutsche Bahn meldete nach dem ersten Buchungswochenende vom 9. bis 10. Mai 2026 mehr als 75.000 verkaufte Last-Minute-Tickets. Rund 50.000 davon wurden bereits am Samstag gekauft. Die durchschnittliche gebuchte Strecke lag laut Bahn bei mehr als 300 Kilometern.
Am folgenden Wochenende kamen nochmals mehr als 77.000 Tickets hinzu. Damit wurden allein an den ersten beiden Verkaufswochenenden mehr als 150.000 Fahrkarten über die neue Aktion verkauft. Besonders gefragt waren Strecken zwischen großen Städten wie Berlin, Hamburg, München, Frankfurt und Köln.
Die Bahn wertete den Start entsprechend als Erfolg. DB-Fernverkehrsvorstand Michael Peterson erklärte, man habe mit dem Angebot offenbar den Nerv der Zeit getroffen.
Die Verkaufszahlen zeigen tatsächlich, dass Interesse vorhanden ist. Sie beantworten aber nicht die entscheidenden Fragen aus Kundensicht: Wie viele Tickets kosteten wirklich 6,99 Euro? Zu welchen Uhrzeiten galten sie? Und wie häufig fanden Nutzer ein günstiges Angebot für genau die Verbindung, die sie tatsächlich brauchten?
Eine ausführlichere öffentliche Zwischenbilanz mit Preisverteilung oder Gesamtzahlen bis Mitte Juli ist bislang nicht zu finden. Die Bahn bewirbt die Aktion weiterhin als Bestandteil ihres Sommerangebots, nennt dabei aber vor allem die Bedingungen und den Einstiegspreis.
„Last Minute“ bedeutet nicht: Meine gewünschte Fahrt wird günstig
Das größte Missverständnis steckt bereits im Namen. Wer „Last Minute“ liest, denkt an kurzfristig reduzierte Tickets für eine konkrete Reise: Ich muss nächste Woche nach Hamburg, also warte ich bis zum Wochenende und bekomme dann hoffentlich einen guten Preis.
So funktioniert das Angebot jedoch nicht.
Der Super Sparpreis Last Minute ist ein kontingentierter Tarif. Er wird nur für Züge freigeschaltet, in denen noch ausreichend Plätze verfügbar sind. Die Bahn weist selbst darauf hin, dass die Chance auf besonders günstige Tickets abseits der Hauptreisezeiten größer ist. Gleichzeitig empfiehlt sie Reisenden mit festen Plänen ausdrücklich weiterhin, früh zu buchen.
Das Angebot macht also nicht die gewünschte Verbindung billig. Es macht bestimmte noch nicht ausgelastete Verbindungen billiger.
Wer morgens in Hamburg ankommen, am Nachmittag einen Termin wahrnehmen oder am frühen Abend zurückfahren möchte, kann weiterhin auf hohe Preise treffen. Günstiger wird es möglicherweise erst bei sehr frühen Abfahrten, langen Umstiegsverbindungen oder Ankunftszeiten, die für einen normalen Tagesausflug kaum brauchbar sind.
Der TikTok-Bericht passt damit ziemlich genau zur Konstruktion des Tarifs. Die Nutzerin hat nicht unbedingt falsch gesucht. Sie wollte lediglich etwas, das der Last-Minute-Sparpreis gar nicht verspricht: eine günstige Fahrt zu einer vernünftigen Wunschzeit.
Günstige Preise gibt es – aber nicht unbedingt dort, wo man sie braucht
Bereits zum Start hatte der WDR verschiedene Strecken geprüft. Dabei wurden mehrfach Tickets zwischen 14,99 und 19,99 Euro sowie einmal ein Angebot für 9,99 Euro gefunden. Ein Ticket für die beworbenen 6,99 Euro tauchte in der Stichprobe dagegen nicht auf.
Auf der Strecke Köln–München gab es für einen Reisetag nur eine günstige Nachtverbindung mit zweimaligem Umsteigen. Einen Tag später waren für denselben Preis mehrere deutlich attraktivere Verbindungen verfügbar. Der Fahrgastverband Pro Bahn erklärte dazu, dass die Bahn mit der Aktion gezielt freie Restkapazitäten und schwach nachgefragte Zeiten füllen wolle.
Auch der Einstiegspreis von 6,99 Euro muss richtig eingeordnet werden. Nach Angaben einer Bahnsprecherin wird er vor allem auf kürzeren Fernverkehrsstrecken wie Köln–Düsseldorf, Frankfurt–Heidelberg oder München–Augsburg erreicht. Bei längeren und beliebten Verbindungen sinkt die Wahrscheinlichkeit entsprechend.
Berlin–Dresden für 9,99 Euro, wie in unserem ersten Test, war also ein echter Deal. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass Berlin–Hamburg, Köln–München oder Frankfurt–Berlin eine Woche vor Abfahrt ebenfalls günstig angeboten werden.
Eigentlich fehlt ein echter Sparpreisfinder
Die Bahn spricht auf ihrer Angebotsseite davon, spontan Deutschland zu entdecken. Technisch landet man jedoch in der normalen Verbindungssuche. Dort muss man bereits wissen:
- von wo man fahren möchte,
- wohin die Reise gehen soll,
- an welchem Tag man fahren möchte,
- und ungefähr zu welcher Uhrzeit.
Erst in den Suchergebnissen erkennt man den Last-Minute-Tarif an einer kleinen Krone und der Bezeichnung „Aktion“. Das Angebot läuft vom 9. Mai bis zum 13. September 2026 und ist jeweils samstags und sonntags für die unmittelbar folgende Woche buchbar.
Was fehlt, ist eine Übersicht nach dem Prinzip:
Ab Berlin sind nächste Woche Hamburg, Leipzig und Erfurt besonders günstig erreichbar.
Ein solcher echter Schnäppchenfinder würde viel besser zum Gedanken einer spontanen Reise passen. Nutzer könnten ein Startziel festlegen und anschließend sehen, wohin sie günstig kommen. Stattdessen müssen verschiedene Ziele, Tage und Uhrzeiten einzeln durchprobiert werden.
Der DB Navigator ist damit weniger ein Last-Minute-Finder als eine Suchmaschine, in der gelegentlich ein günstiges Aktionsangebot auftaucht.
Warten kann die Reise sogar teurer machen
Für flexible Freizeitfahrten kann sich das Pokern lohnen. Wer nächste Woche frei hat und notfalls am Dienstagmorgen statt am Freitagnachmittag fährt, kann weiterhin sehr gute Angebote finden.
Anders sieht es aus, wenn die Reise ohnehin stattfinden muss. Dann besteht ein reales Risiko: Man wartet bis zum Wochenende, findet kein brauchbares Last-Minute-Ticket und muss anschließend einen regulären Sparpreis kaufen, der inzwischen teurer geworden ist.
Genau davor warnte Pro Bahn bereits zum Start der Aktion. Wer auf ein günstiges Restkontingent spekuliert, könne am Ende mit höheren Preisen dastehen. Die Empfehlung lautet deshalb, bei wichtigen Fahrten frühzeitig ein geeignetes Ticket zu buchen und nicht fest mit dem Last-Minute-Angebot zu rechnen.
Das ist der entscheidende Unterschied:
Der Super Sparpreis Last Minute ist eine Chance, aber keine Buchungsstrategie.
Und dann muss die App auch noch funktionieren
Im Juli kommt ein weiteres Problem hinzu. In den aktuellen Bewertungen des DB Navigators finden sich zahlreiche Beschwerden über fehlgeschlagene Logins, Weiterleitungen auf 404-Seiten, nicht angezeigte Tickets und Probleme bei der Bezahlung.
Mehrere Nutzer berichten, dass die Anmeldung im Browser funktioniert, in der App aber scheitert. Die Bahn bestätigt in ihren Antworten wiederholt, dass der Login-Fehler bekannt sei und an einer Lösung gearbeitet werde. Teilweise scheint das Problem mit dem verwendeten Standardbrowser zusammenzuhängen.
Andere Nutzer berichten, dass Geld abgebucht wurde, das Ticket anschließend aber nicht abrufbar war. Ein Rezensent beschreibt außerdem, dass er den Buchungsvorgang mehrfach neu beginnen musste und der Preis dabei immer weiter stieg.
Bei einem normalen Ticket ist ein technischer Fehler bereits ärgerlich. Bei einem begrenzten Last-Minute-Kontingent kann er das Angebot vollständig zunichtemachen. Ist die Buchung nicht abgeschlossen, kann der günstige Preis beim nächsten Versuch bereits verschwunden sein.
Gerade eine Aktion, die ausschließlich digital über bahn.de, den DB Navigator und ausgewählte Onlinepartner angeboten wird, braucht einen stabilen Buchungsprozess. Ein Preis von 9,99 Euro hilft wenig, wenn Login oder Zahlung genau in diesem Moment aussteigen.
Die Bedingungen bleiben hart
Auch bei einem erfolgreichen Kauf bleibt der Last-Minute-Tarif ein Super-Sparpreis-Angebot:
- Das Ticket ist an die gebuchte Fernverkehrsverbindung gebunden.
- Eine reguläre Umbuchung oder Stornierung ist ausgeschlossen.
- Lediglich die kostenlose Sofortstornierung innerhalb von drei Stunden nach der Buchung ist möglich.
- BahnCard 25 und BahnCard 50 bringen 25 Prozent Rabatt.
- Kinder bis einschließlich 14 Jahre können unter den üblichen Bedingungen kostenlos mit einer Begleitperson reisen.
- Nahverkehr kann enthalten sein, wenn er bei der Buchung Teil der Verbindung ist.
Wer wegen des günstigen Preises eine unattraktive Verbindung auswählt, sollte deshalb genau hinschauen. Eine Ankunft nach Mitternacht, zwei zusätzliche Umstiege oder lange Wartezeiten lassen sich nach dem Kauf nicht einfach gegen eine bessere Verbindung tauschen.
Schnäppchen oder Restplatzlotterie?
Beides.
Der Super Sparpreis Last Minute ist kein Fake. Die Bahn hat innerhalb der ersten beiden Wochenenden mehr als 150.000 Tickets verkauft, und auch unser eigener Test zeigte reale Preise deutlich unter den normalen Tarifen.
Das Angebot ist aber viel weniger universell, als der Name vermuten lässt. Wer einfach nur günstig irgendwohin fahren möchte und bei Reisetag, Ziel und Uhrzeit flexibel ist, kann echte Schnäppchen finden. Für spontane Tagesausflüge oder Besuche ohne festen Termin ist der Tarif interessant.
Wer dagegen zu einer bestimmten Zeit nach Hamburg, München oder Köln muss, sollte nicht bis zum Wochenende warten und auf 6,99 Euro hoffen. Auf beliebten Strecken und zu attraktiven Reisezeiten bleibt häufig nur der normale, inzwischen teure Sparpreis. Das günstige Angebot taucht dann vielleicht erst bei einer Nachtverbindung auf, die praktisch niemand freiwillig buchen würde.
Der Super Sparpreis Last Minute ist deshalb keine günstige Antwort auf jede kurzfristige Reise. Er ist eine digitale Restplatzverwertung mit gelegentlich hervorragenden Preisen.
Wer flexibel ist, kann gewinnen. Wer fahren muss, spielt besser nicht mit.



