Ein Leser stellte unter unserem aktuellen Saugroboter-Test eine ziemlich gute Frage: Kann man in der Karte einen Vorhang eintragen? Sein Dreame X50 fährt durch einen Türvorhang, andere Saugroboter hätten sich bisher nicht hindurchgetraut.
Das klingt zunächst nach einem seltenen Sonderfall. Tatsächlich betrifft das Problem deutlich mehr Haushalte. Lange Gardinen, Türvorhänge, herunterhängende Bettdecken, Tagesdecken oder Stoffbahnen unter einem Sofa können für Saugroboter zu einer unsichtbaren Grenze werden. Der Boden dahinter bleibt ungereinigt, obwohl der Roboter körperlich problemlos dorthin gelangen könnte.
Der Vorhang ist weich – der Saugroboter weiß das aber nicht
Moderne Saugroboter orientieren sich unter anderem mit Lasern, Kameras, Infrarotsensoren und strukturiertem Licht. Diese Sensoren erkennen auf Höhe des Roboters eine Fläche und berechnen deren Abstand. Ob es sich dabei um eine massive Wand, eine geschlossene Tür oder einen leichten Vorhang handelt, lässt sich nicht immer zuverlässig bestimmen.
Roborock beschreibt selbst, dass die Hindernissensoren die Umgebung abtasten und den Abstand zu möglichen Hindernissen berechnen. Dreame weist darauf hin, dass flexible Objekte wie Vorhänge oder halb geöffnete Türen dazu führen können, dass ein Roboter abbremst oder sie vorsichtig berührt.
Aus Sicht des Roboters ist das vorsichtige Verhalten nachvollziehbar. Ein System zur Hindernisvermeidung soll Gegenstände schließlich nicht einfach überfahren. Für den Nutzer entsteht daraus aber ein absurdes Ergebnis: Der technisch hochgerüstete Saugroboter erkennt Schuhe, Kabel, Haustiere und Möbel – kapituliert jedoch vor einem Stück Stoff.
Das Problem betrifft nicht nur Gardinen
Besonders auffällig ist es bei einem Türvorhang. Erkennt der Roboter diesen als Wand, kann ein ganzer Raum von der Reinigung ausgeschlossen werden. Auf der Karte sieht es dann möglicherweise so aus, als ende der Wohnbereich tatsächlich an dieser Stelle.
Ähnliche Probleme entstehen an anderen Stellen:
- Eine bodenlange Gardine verhindert die Reinigung entlang des Fensters.
- Eine herunterhängende Bettdecke blockiert den Bereich unter dem Bett.
- Eine Tagesdecke wird als feste Seitenwand des Bettes erkannt.
- Stoff oder lose Fäden unter einem Sofa irritieren die Navigation.
- Kordeln, Fransen und dünne Stoffbahnen können in Bürsten oder Räder geraten.
ECOVACS empfiehlt in einem eigenen Ratgeber sogar, Vorhänge aus dem Fahrweg zu nehmen, damit sie nicht vom Roboter erfasst oder eingezogen werden. Auch iRobot nennt Vorhänge als mögliche Ursache dafür, dass ein Roboter stecken bleibt. Die klassische Herstellerlösung lautet also häufig noch immer: Vorhang hochbinden oder den Bereich sperren.
Das verhindert zwar Zwischenfälle, löst aber das eigentliche Problem nicht. Der Roboter soll hinter dem Vorhang reinigen und nicht dauerhaft davor umdrehen.
Dreame bietet bereits einen Vorhangbereich an
Dreame hat das Problem bei mehreren Modellen direkt in der Kartenverwaltung berücksichtigt. In der Dreamehome-App kann ein Vorhangbereich markiert werden. Der Roboter weiß dadurch, dass sich an dieser Stelle keine feste Wand befindet und auch der Bereich hinter dem Stoff gereinigt werden soll.
Dreame beschreibt die „Curtain Area Cleaning“-Funktion ausdrücklich als Lösung für Bereiche, die von Saugrobotern normalerweise gemieden werden, weil diese einen Vorhang als Hindernis erkennen. Auf der Produktseite des X40 Ultra wird eine eigene Reinigung von Vorhangzonen genannt. Auch die offizielle FAQ zum X50 Ultra bestätigt, dass dort Vorhangbereiche eingerichtet werden können.
Die Funktion ist sinnvoll, weil der Nutzer die Entscheidung trifft. Er kennt seine Wohnung und weiß, ob der Roboter einen leichten Vorhang durchfahren darf oder ob dort beispielsweise Kabel, Fransen oder empfindliche Stoffe liegen.
Auch Roborock hat das Problem inzwischen erkannt
Roborock bietet bei mehreren neuen Modellen ebenfalls eine Funktion zur manuellen Markierung von Vorhängen an. Unter der Bezeichnung „Clean Beyond Curtains“ kann der Nutzer Vorhänge und weiche Raumtrenner in der Karte kennzeichnen. Der Roboter soll anschließend durch den markierten Bereich fahren und den Boden dahinter reinigen.
Offiziell beworben wird die Funktion unter anderem für den Roborock Saros 20, den Saros 20 Sonic und den Qrevo Edge 2. Auch beim Qrevo Edge 2 Flow wird die manuelle Vorhangmarkierung genannt.
Offen bleibt allerdings, wie breit die Funktion tatsächlich ausgerollt wird. Unklar ist insbesondere, ob sie ausschließlich den neuesten Modellen vorbehalten bleibt oder technisch auch auf älteren Saugrobotern umgesetzt werden könnte.
Denn grundsätzlich besteht das Problem nicht erst seit der aktuellen Gerätegeneration. Interessanterweise bewarb Roborock schon den alten Xiaowa E2 damit, weiche Hindernisse wie Vorhänge oder Bettlaken nach einer vorsichtigen Berührung überfahren beziehungsweise durchqueren zu können.
Und wie sieht es bei ECOVACS aus?
In den von uns geprüften offiziellen Beschreibungen der ECOVACS-HOME-App wird keine vergleichbare Vorhangmarkierung genannt. Die App bietet je nach Modell umfangreiche Kartenfunktionen, 3D-Karten, die Auswahl von Räumen und Objekten sowie virtuelle Grenzen. Eine virtuelle Grenze bewirkt allerdings genau das Gegenteil: Der Roboter darf den Bereich nicht durchfahren.
Eine Funktion, mit der der Nutzer dem Roboter mitteilt, dass ein vermeintliches Hindernis absichtlich durchquert werden darf, wäre daher eine sinnvolle Ergänzung. Ob einzelne aktuelle DEEBOT-Modelle bereits eine versteckte oder anders bezeichnete Möglichkeit bieten, klären wir noch mit dem Hersteller.
Was Nutzer derzeit tun können
Besitzt der Saugroboter keine Vorhangfunktion, bleiben zunächst nur pragmatische Lösungen:
Vorhänge und Decken vor der Reinigung hochbinden: Das ist die zuverlässigste Methode und verhindert zugleich, dass Stoff oder Fransen in die Bürsten geraten.
Die erste Kartierung ohne herunterhängenden Stoff durchführen: Bei Türvorhängen sollte der Durchgang während der Kartierung vollständig frei sein. Sonst kann der Roboter den Raum möglicherweise gar nicht erst als zusammenhängenden Bereich erfassen.
Den Roboter zunächst beaufsichtigen: Ein leichter, glatter Vorhang kann problemlos nachgeben. Schwere Stoffe, Schnüre, Fransen oder mehrere übereinanderliegende Bahnen können den Roboter dagegen festhalten.
Keine Sperrzone vor dem Vorhang einrichten: Eine virtuelle Wand schützt zwar vor dem Stoff, verhindert aber auch dauerhaft die Reinigung des Bereichs dahinter.
Bettdecken und Tagesdecken nicht bis auf den Boden hängen lassen: Dadurch bleibt der Bereich unter dem Bett für die Navigation sichtbar.
Ein vorhandener Vorhangmodus sollte außerdem nur an Stellen verwendet werden, an denen sich tatsächlich ein weiches und sicher durchfahrbares Hindernis befindet. In der Nähe von Treppen oder anderen Absturzkanten wäre ein erzwungenes Durchfahren keine gute Idee.
Hersteller sollten weiche Hindernisse endlich als Kartenobjekt behandeln
Saugroboter-Apps kennen inzwischen Teppiche, Möbel, Schwellen, Rampen, Haustierbereiche, Sperrzonen und unterschiedliche Bodenarten. Ein Vorhang oder eine herunterhängende Bettdecke ist dagegen weiterhin bei vielen Geräten nichts anderes als eine Wand.
Dabei wäre die Lösung über die Karte vergleichsweise verständlich:
- Der Nutzer markiert einen Vorhang oder einen weichen Raumtrenner.
- Er entscheidet, ob der Roboter den Stoff durchfahren oder nur darunter reinigen darf.
- Der Roboter nähert sich langsam und reduziert bei Bedarf Bürstenleistung oder Geschwindigkeit.
- Sicherheitskritische Bereiche in der Nähe von Treppen werden ausgeschlossen.
- Die App warnt vor Schnüren, Fransen und Stoffen, die eingezogen werden könnten.
Dreame und Roborock zeigen, dass eine solche Funktion technisch umsetzbar ist. Sie sollte allerdings nicht auf einzelne Spitzenmodelle beschränkt bleiben. Eine Kartenfunktion für Vorhänge wäre kein weiteres KI-Schlagwort für die Produktseite, sondern eine konkrete Verbesserung für Wohnungen, in denen tatsächlich Vorhänge, Decken und andere weiche Gegenstände vorkommen – also praktisch für fast alle.



