Auf TikTok geht gerade ein vermeintlich einfacher Spartipp herum: Wer bei der AOK versichert ist und täglich 10.000 Schritte schafft, könne sich dafür über das Bonusprogramm Geld gutschreiben lassen. Im Video sind es 25 Cent pro Tag. In den Kommentaren beginnt allerdings sofort das große Rechnen: „Ich bekomme 50 Cent“, schreiben einige. Sehr viele sprechen sogar von einem Euro. Andere AOK-Versicherte suchen die Funktion vergeblich.
Das ist für uns ein interessantes Wiedersehen mit einem alten Thema. Bereits 2023 hatten wir uns mit der damals miserabel bewerteten AOK Bonus-App und ihren technischen Problemen beschäftigt. Im September 2024 folgte dann der Umzug des Bonusprogramms in die „Meine AOK“-App. Genau dort läuft das Bonusprogramm heute weiter. Die AOK beschreibt die Anmeldung aktuell über die „Meine AOK“-App; das Bonusprogramm befindet sich dort im Bereich „Mitgliedschaft“.
Der TikTok-Tipp funktioniert also grundsätzlich. Die viel wichtigere Frage lautet: Wie viel bekommst du bei deiner AOK tatsächlich für 10.000 Schritte?
Die AOK ist beim Bonusprogramm regional organisiert
Wer einfach nach „AOK 10.000 Schritte Geld“ sucht, stößt schnell auf widersprüchliche Beträge. Das liegt nicht zwingend an veralteten Angaben. Die AOK weist selbst darauf hin, dass ihre Bonusprogramme regional unterschiedlich gestaltet sind. Auf der aktuellen Informationsseite wird deshalb zunächst die zuständige AOK anhand des Wohnorts ermittelt.
Damit erklärt sich auch ein großer Teil der Verwirrung unter dem TikTok-Video. Nutzer nennen dort 25 Cent, 50 Cent und einen Euro für einen Tag mit 10.000 Schritten. Versicherte der AOK Nordost und aus Hessen berichten besonders häufig von höheren Beträgen, während andere schreiben, dass sie bei ihrer AOK gar keine entsprechende Schrittprämie finden. Diese Kommentare sind keine verlässliche Tarifübersicht, zeigen aber sehr deutlich, wie unterschiedlich das Bonusprogramm wahrgenommen wird.
Auch die offiziellen beziehungsweise aktuell verfügbaren Angaben bestätigen diese Unterschiede. Bei der AOK Hessen können über Fitness-Tracking beispielsweise bis zu 120 Euro pro Jahr gesammelt werden. Die AOK Bayern kommt mit Fitnesstracking aktuell auf bis zu 90 Euro jährlich. Für die AOK PLUS werden ebenfalls bis zu 90 Euro für Fitnesstracking genannt.
Deshalb lässt sich aus dem viralen Video keine allgemeine Regel „10.000 Schritte = 25 Cent“ ableiten.
Auch die Rechnung mit 7,50 Euro im Monat stimmt nur eingeschränkt
Im Video wird aus den 25 Cent pro Tag eine monatliche Auszahlung von ungefähr 7,50 Euro und daraus wiederum ein Jahresbetrag von rund 85 Euro gemacht.
Rein mathematisch wären 25 Cent an jedem einzelnen Kalendertag sogar 91,25 Euro pro Jahr. Entscheidend ist allerdings, wie viele Aktivitäten die jeweilige AOK tatsächlich anerkennt. Einige Programme begrenzen die Anzahl der vergüteten Fitness-Tage. Deshalb sollte man die Summe nicht einfach mit 365 Tagen hochrechnen.
Interessanter ist ohnehin eine andere Betrachtung: Wer seine 10.000 Schritte bereits durch Arbeit, Spaziergänge, Sport oder den normalen Alltag erreicht, bekommt den Bonus für eine Aktivität, die ohnehin stattgefunden hätte. Genau deshalb sorgt der TikTok-Beitrag für so viel Resonanz. Viele Kommentare stammen von Menschen, die täglich 15.000 oder 20.000 Schritte laufen und offenbar erst durch das Video vom Bonus erfahren haben.
So findest du heraus, ob deine AOK Schritte bezahlt
Das Bonusprogramm läuft inzwischen direkt über „Meine AOK“. Nach der Anmeldung findest du es laut AOK im Bereich „Mitgliedschaft“. Dort kannst du dich für das regionale Bonusprogramm registrieren und anschließend die für deine AOK verfügbaren Aktivitäten sehen. Bei Fitness-Aktivitäten werden je nach Programm Daten einer kompatiblen Gesundheits-App oder eines Fitness-Trackers verwendet.
Fehlt bei dir die Position „10.000 Schritte“, muss also nicht zwingend etwas mit der App kaputt sein. Gerade dieser Punkt sorgt unter dem TikTok-Video für Verwirrung. Mehrere Nutzer aus Niedersachsen, dem Bereich NordWest sowie Rheinland/Hamburg schreiben beispielsweise, dass sie die gezeigte Option nicht finden. Solche Nutzerberichte sollte man nicht mit den offiziellen Bedingungen gleichsetzen, sie passen aber zu der ausdrücklich regionalen Struktur des Programms.
Wer teilnehmen möchte, sollte deshalb direkt in seiner eigenen „Meine AOK“-App nachsehen und dort die Bedingungen öffnen. Eine Anleitung aus einem TikTok-Video aus einem anderen Bundesland kann bereits bei der Höhe des Bonus falsch sein.
Die alte Schwachstelle taucht ebenfalls wieder auf: das Tracking
Fast etwas nostalgisch wirkt ein anderer Teil der Kommentare. Einer der meistbeachteten Kommentare unter dem Video lautet sinngemäß, das Ganze würde mehr Spaß machen, wenn die App zuverlässig funktionieren würde. Andere Nutzer berichten davon, dass Schritte nicht übernommen werden, die Verbindung zu Huawei Health oder einer Smartwatch Probleme bereitet oder die App lange lädt.
Das erinnert stark an unsere Beobachtungen aus dem Jahr 2023. Damals gehörten Synchronisierungsprobleme, lange Ladezeiten und Schwierigkeiten bei der Anmeldung zu den häufigsten Kritikpunkten an der AOK Bonus-App. 2024 war die Integration in „Meine AOK“ deshalb auch technisch interessant: Statt zwei parallele Anwendungen weiterzuführen, wanderte das Bonusprogramm in die zentrale Versicherten-App.
Dass 2026 weiterhin einzelne Nutzer Probleme mit der Übertragung ihrer Aktivitäten melden, zeigt zumindest, dass das Thema nicht vollständig verschwunden ist. Aus TikTok-Kommentaren lässt sich allerdings nicht ableiten, wie häufig solche Fehler tatsächlich auftreten.
Und was sagt das Finanzamt zu den Bonuszahlungen?
Auch dazu kursieren unter dem Video unterschiedliche Behauptungen. Einige Nutzer vermuten, jeder ausgezahlte Euro müsse versteuert werden. Andere nennen eine Grenze von 150 Euro.
Die AOK selbst beschreibt die steuerliche Behandlung differenzierter. Auf aktuellen AOK-Seiten wird bei Bonusprogrammen ein Betrag von bis zu 150 Euro pro teilnehmender Person und Kalenderjahr berücksichtigt, der nicht an die Finanzverwaltung gemeldet wird. Liegt die relevante Bonussumme darüber, wird nach diesen Angaben grundsätzlich nur der über 150 Euro hinausgehende Betrag übermittelt. Bei Erstattungen bestimmter selbst finanzierter Gesundheitsleistungen können wiederum andere Regeln gelten.
Aus „25 Cent fürs Laufen“ wird damit also nicht plötzlich steuerpflichtiges Arbeitseinkommen. Wer größere Bonusbeträge sammelt oder verschiedene Programme kombiniert, sollte sich die steuerlichen Angaben seiner AOK trotzdem ansehen.
Warum dieser TikTok-Tipp gerade so gut funktioniert
Interessant ist weniger, dass Krankenkassen Bonusprogramme anbieten. Das tun sie seit Jahren. Interessant ist, wie viele Versicherte offenbar keine Ahnung davon haben.
Unter dem Video stehen immer wieder Varianten von „Warum wusste ich das nicht?“ oder „Ich laufe jeden Tag 20.000 Schritte“. Genau darin liegt ein Kommunikationsproblem: Die Funktion steckt inzwischen in einer App, die viele Versicherte hauptsächlich für Dokumente, Krankmeldungen oder Nachrichten ihrer Krankenkasse verwenden. Wer dort nie bewusst in das Bonusprogramm schaut, bekommt von den möglichen Prämien wenig mit.
Dabei geht es längst um mehr als Schritte. Je nach AOK werden beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, Sportverein oder Fitnessstudio, Präventionskurse, Blutspenden und andere gesundheitsbezogene Aktivitäten berücksichtigt. Die genauen Leistungen unterscheiden sich wiederum regional.
Der virale Clip trifft deshalb einen echten Punkt, nur ist seine Aussage zu pauschal. Ja, mit 10.000 Schritten kann man bei verschiedenen AOKs Geld sammeln. Wie viel du bekommst und ob diese konkrete Aktivität überhaupt angeboten wird, hängt von deiner regionalen AOK ab.
Und wer die alte AOK Bonus-App noch im Kopf hat: Suchen musst du heute in „Meine AOK“. Genau dorthin war das Bonusprogramm bereits 2024 umgezogen.


