Es ist einer dieser Momente, in denen eine schlecht funktionierende App plötzlich kein kleines Technikproblem mehr ist. Du sitzt, stehst oder hängst in der S-Bahn, wirst kontrolliert, hast dein Ticket bezahlt und kannst sogar den Kauf nachweisen. Auf dem Smartphone erscheint der Fahrschein trotzdem nicht. Der benötigte Code bleibt verschwunden. Für die Kontrolle zählt in diesem Moment, was sich vorzeigen lässt. Und deine Sushi Push Ups sind damit nicht gemeint.
Genau einen solchen Fall schildert aktuell ein Fahrgast in einem viel diskutierten TikTok-Video. Nach seiner Darstellung hatte er das Ticket über eine BVG-App gekauft. Bei der Kontrolle in einer Berliner S-Bahn konnte die App den Fahrschein jedoch nicht anzeigen. Die S-Bahn erfasste den Vorgang, der Fahrgast reichte anschließend seinen Nachweis ein und erhielt später die Aufforderung, noch sieben Euro zu bezahlen.
Die Empörung darüber ist leicht nachvollziehbar. Rechtlich und tariflich ist der Vorgang komplizierter. Bei einer Kontrolle muss ein gültiger Fahrschein vorgezeigt werden können. Kann ein vorhandener Fahrschein erst später nachgewiesen werden, sieht das deutsche Eisenbahnrecht unter bestimmten Voraussetzungen eine Reduzierung des erhöhten Beförderungsentgelts auf sieben Euro vor. Auch die S-Bahn Berlin erläutert das entsprechende Verfahren für nachträglich vorgelegte Fahrausweise.
Für uns ist deshalb eine andere Frage interessanter: Was passiert, wenn der Fahrgast einen gültigen digitalen Fahrschein besitzt, ihn aber wegen eines technischen Problems der Ticket-App nicht anzeigen kann?
Der aktuelle Fall ist dafür bemerkenswert, weil er ziemlich genau auf ein Problem trifft, das uns bei der BVG schon länger beschäftigt. Bereits Ende 2024 hatten wir uns die massiv eingebrochenen Bewertungen der BVG Fahrinfo angesehen. Damals lag die Android-App in unserer Google-Play-Ansicht bei gerade einmal 1,5 Sternen.
Fast zwei Jahre später ist die Sache keineswegs erledigt.
Kleiner Exkurs: „Schwarzfahren“ ist sprachgeschichtlich kein rassistischer Begriff. Das „schwarz“ steht hier ursprünglich für etwas, das im Dunkeln oder Verborgenen und damit unerlaubt geschieht – wie bei Schwarzarbeit oder Schwarzmarkt. Trotzdem kann man sich heute fragen, warum wir ausgerechnet „schwarz“ noch so selbstverständlich als sprachlichen Marker für illegal, schlecht oder unerwünscht verwenden. Denn Sprache hat nicht nur eine Herkunft, sondern auch eine Gegenwart. Wir bleiben hier deshalb bei „Fahren ohne gültigen Fahrschein“, präziser ist es ohnehin.
In diesem Artikel13 Abschnitte
Zwei zentrale BVG-Apps stehen bei Android weiter unter Druck
Für diese Analyse haben wir jeweils 1.500 deutschsprachige Google-Play-Rezensionen von BVG Fahrinfo: Routenplaner und BVG Tickets: Bus + Bahn Berlin ausgewertet. Insgesamt umfasst unsere Stichprobe damit 3.000 Bewertungen aus den Jahren 2018 bis September 2026. Zusätzlich haben wir die Antworten der BVG, die zeitliche Entwicklung der Bewertungen und die technische Entwicklung der Apps untersucht.

Unsere deutsche Android-Abfrage vom 15. September 2026 ergab für die Ticket-App einen Store-Wert von rund 2,35 Sternen, für Fahrinfo sogar nur rund 1,65 Sterne. In der normalen Play-Store-Darstellung entspricht das ungefähr den aktuell sichtbaren 2,4 beziehungsweise 1,7 Sternen.
| App | Schwerpunkt | Android-Wert unserer Abfrage | Durchschnitt der 1.500 analysierten Reviews | 1-Stern-Reviews in der Stichprobe |
|---|---|---|---|---|
| BVG Tickets | Ticketkauf und Ticketverwaltung | 2,35 | 1,83 | 931 |
| BVG Fahrinfo | Routenplanung, Echtzeitdaten und Tickets | 1,65 | 1,80 | 902 |
Google-Play-Bewertungen brauchen dabei etwas Erklärung. Google zeigt App-Ratings seit einigen Jahren abhängig vom registrierten Land und teilweise vom verwendeten Gerät an. Andere Google-Play-Ansichten oder Web-Suchergebnisse können deshalb abweichende Werte anzeigen. Genau aus diesem Grund dokumentieren wir hier die Werte unserer deutschen Android-Abfrage und ergänzen sie um die eigentliche Review-Auswertung. Google selbst beschreibt die Aufschlüsselung nach Land, App-Version und Gerät als Bestandteil seines Ratingsystems.
Die Sterne allein wären trotzdem noch kein besonders guter Artikel. Interessant wird es dort, wo man ihre Entwicklung mit der Entwicklung der Apps zusammenlegt.
Im Juli 2024 wurde Fahrinfo komplett erneuert – danach kippen die Bewertungen
Im September 2023 hatten wir BVG Fahrinfo schon einmal untersucht. Damals notierten wir noch 3,8 Sterne. Die App hatte ihre Schwächen, wurde von vielen Nutzern aber als brauchbarer Berliner Alltagshelfer wahrgenommen.
Am 24. Juli 2024 brachte die BVG eine vollständig überarbeitete Fahrinfo-App heraus. Vorausgegangen war nach Angaben des Unternehmens eine zweimonatige Testphase. Die BVG sprach von verbesserter Performance, neuen Funktionen und einem intuitiven Look. Zu diesem Zeitpunkt war die Größenordnung der Anwendung enorm: Laut BVG wurden täglich mehr als 500.000 Echtzeit-Verbindungen über Fahrinfo gesucht. Das Unternehmen sprach von mehr als sechs Millionen Nutzern.

Unsere Review-Daten zeigen rund um diesen Termin eine auffällige Veränderung.
In den sechs Monaten vor dem Start der neuen Version liegt der Durchschnitt der in unserer Stichprobe enthaltenen Fahrinfo-Bewertungen bei rund 2,36 Sternen. Etwa 36 Prozent davon vergeben einen Stern. Schon das war kein glänzendes Ergebnis.
In den sechs Monaten ab dem Relaunch fällt der Durchschnitt auf 1,27 Sterne. Mehr als 81 Prozent der erfassten Bewertungen aus diesem Zeitraum vergeben nur einen Stern.
Auch monatlich lässt sich der Effekt sehen. Im Juli 2024 liegt der Durchschnitt unserer Stichprobe bei 1,38, im August bei 1,25, im September bei 1,24 und im Oktober bei 1,18 Sternen. Anschließend erholt sich die Bewertung langsam, bleibt aber weit unter dem früheren Niveau.
Eine Review-Stichprobe kann keine technische Ursachenanalyse ersetzen. Der zeitliche Zusammenhang ist trotzdem schwer zu übersehen. Der große Fahrinfo-Relaunch und der Einbruch der Bewertungen liegen nahezu aufeinander.
Das passt zu den damaligen Kommentaren. Nutzer vermissten vertraute Abfahrtsfunktionen und Widgets, berichteten von schlechterer Routenplanung, veränderten Favoriten und Problemen im Ticketbereich. Auch im Apple App Store stammen einige der ausführlichsten kritischen Bewertungen aus den Wochen nach dem Relaunch. Dort beschreiben Nutzer unter anderem verschwundene oder schwer erreichbare Funktionen sowie Verbindungen, die nach dem Update nicht mehr gefunden wurden.
Hinter dem sichtbaren Redesign wurde auch die Ticket-Infrastruktur ausgetauscht
Der Umbau 2024 ging technisch erheblich weiter als ein neues Interface.
Bereits 2021 hatte die BVG im Rahmen europaweiter Ausschreibungen Hacon, eos.uptrade und Ray Sono mit der nächsten Generation der Fahrinfo-App beauftragt. Hacon sollte unter anderem Mobilitäts- und Routingfunktionen liefern, eos.uptrade ein neues zentrales Ticketing-Backend und Ray Sono war im Bereich User Experience und Design beteiligt. Das Projekt wurde ausdrücklich als nutzerzentrierte und datenbasierte Neuentwicklung angekündigt.
Am 24. Juli 2024 ging dann auch das neue Ticketing-Backend von eos.uptrade live. Technisch interessant ist die dahinterstehende Strategie: Früher arbeiteten verschiedene BVG-Apps mit eigenen Ticketing-Systemen. Das neue Backend sollte diese digitalen Vertriebskanäle über eine gemeinsame API auf einer zentralen Plattform zusammenführen. eos.uptrade beschreibt eine cloudbasierte Microservice-Architektur, mit der Wartung, Vertrieb und Support effizienter organisiert werden sollen.
Fahrinfo war der erste angeschlossene Vertriebskanal. Die neue Ticket-App folgte später im Jahr. Auch der BVG-Geschäftsbericht 2024 beschreibt diese Konsolidierung ausdrücklich und nennt die Ticket-App die umsatzstärkste App des Unternehmens.
Das ist für die aktuellen Probleme wichtig. Wenn mehrere Apps auf gemeinsame Login-, Account- oder Ticketing-Dienste zugreifen, kann ein Problem in einer zentralen Komponente mehrere Anwendungen gleichzeitig treffen. Ob dies die konkrete Ursache der Störungen 2026 war, kann nur die BVG beziehungsweise ihr technischer Dienstleister beantworten. Die Architektur macht solche gemeinsamen Ausfälle zumindest technisch nachvollziehbar.
Auch bei der Ticket-App häufen sich die schlechten Bewertungen nach der Umstellung
Die Ticket-App war schon vor ihrem großen Umbau kein Liebling der Android-Nutzer. In unserer Stichprobe lag ihr Bewertungsniveau 2024 bereits niedrig. Im Dezember 2024 fällt allerdings ein ungewöhnlich großer Block negativer Rezensionen auf.
Allein für diesen Monat enthält unser Datensatz 173 Bewertungen, deren Durchschnitt lediglich 1,32 Sterne beträgt. Rund 82 Prozent vergeben einen Stern.
Das fällt zeitlich mit der neuen Ticket-App und deren Umstellung auf die zentrale Ticketing-Infrastruktur zusammen. Die Versionshistorie dokumentiert den Wechsel auf Version 2.0 im Dezember 2024. Schon kurz danach folgten mehrere Updates für Ticketdarstellung, Tickethistorie und andere Probleme. Anfang 2025 heißt es in den Release Notes ausdrücklich, dass ein Fehler behoben wurde, durch den Tickets bei manchen Nutzern nicht angezeigt wurden.
Damit ist ein entscheidender Kritikpunkt keineswegs nur das Ergebnis verärgerter Nutzerinterpretationen. Das zeitweise fehlende Anzeigen von Tickets taucht auch in den dokumentierten Fehlerbehebungen auf.
2026 geht es bei der Ticket-App immer wieder um denselben neuralgischen Punkt
Für das laufende Jahr enthält unsere Review-Stichprobe 139 Bewertungen der Ticket-App. Wir haben diese zusätzlich über Schlüsselbegriffe und anschließend inhaltlich ausgewertet. Die Kategorien können sich überschneiden, ein Review kann also gleichzeitig Login- und Ticketprobleme beschreiben.
Rund ein Drittel der 2026er Rezensionen in unserer Stichprobe beschäftigt sich mit fehlenden, nicht ladenden oder nicht erreichbaren Tickets. Etwa ein Viertel erwähnt Login-, Account- oder Anmeldeprobleme. In ungefähr jedem fünften Review spielen Zahlung, Abbuchung oder Zahlungsmittel eine Rolle.
Die Details sind dabei erheblich interessanter als der Durchschnittswert.
Am 9. Juli 2026 bestätigt die BVG in ihren eigenen Antworten technische Anmeldeprobleme.
Am 16. Juli 2026 wird sie noch konkreter. Nach Angaben der BVG bestand an diesem Tag zwischen ungefähr 8:30 und 10 Uhr eine Störung „in allen BVG-Apps“. Login und Ticketkauf waren nicht möglich, außerdem konnte das Deutschlandticket zeitweise nicht abgerufen werden.
Am 1. August 2026 folgt die nächste größere Störung. Innerhalb eines Tages sammeln sich in unserem Datensatz zahlreiche Beschwerden über nicht verfügbare Tickets, fehlgeschlagene Logins, nicht einlösbare Vier-Fahrten-Karten und abstürzende Ticketbereiche. Die BVG bestätigt in ihren Antworten erneut eine technische Störung.
Das sind keine anonymen Vermutungen über mögliche Serverprobleme. Die Störungen werden in den Antworten des Unternehmens selbst bestätigt.
Ein Nutzer berichtet Anfang September 2026, dass die Ticket-App beim Öffnen bereits bezahlter Tickets abgestürzt sei und deshalb zusätzliche Tickets am Automaten gekauft werden mussten. Die BVG verweist auf ihren App-Support, der den Vorgang und eine mögliche Erstattung prüfen könne.
Ein anderer Nutzer meldet Ende August einen zeitweisen Komplettausfall mit fehlendem Zugriff auf Account und Tickets. Hier antwortet die BVG, man habe die beschriebenen Schwierigkeiten nicht allgemein feststellen können und wolle den individuellen Fall prüfen.
Genau an dieser Stelle wird die Sache für eine Ticket-App kritisch. Eine Einkaufs-App darf ausfallen und nervt ihre Nutzer damit. Bei einer Fahrkarten-App kann der fehlende Zugriff auf eine bereits vorhandene Fahrtberechtigung unmittelbar Geld kosten.
Fahrinfo hat zusätzlich ein Daten- und Routingproblem
Bei Fahrinfo verschiebt sich das Bild etwas. Hier geht es weiterhin um Tickets, gleichzeitig tauchen auffallend häufig Beschwerden über den eigentlichen Kern der Anwendung auf: Routen, Haltestellen, Abfahrten, Ausfälle und Echtzeitinformationen.
Von den 89 in unserer Stichprobe enthaltenen Rezensionen aus dem Jahr 2026 behandeln rund 46 Prozent in irgendeiner Form Verbindungen, Abfahrten, Verspätungen, Ausfälle, Haltestellen oder Routen. Rund ein Viertel enthält zugleich Hinweise auf Probleme mit der Anzeige oder Verfügbarkeit von Tickets.
Nutzer berichten beispielsweise davon, dass bessere Verbindungen fehlen, ausgefallene Fahrten weiterhin vorgeschlagen werden oder tatsächliche Abfahrten nicht mit der Darstellung der App übereinstimmen. Andere loben Fahrinfo ausdrücklich. Es gibt 2026 weiterhin Nutzer, die die App täglich einsetzen und ihre Live-Verbindungen als zuverlässig empfinden.
Diese Gegenbeispiele sind wichtig. Die App ist offensichtlich nicht für jeden Nutzer ständig defekt. Ein Store-Rating von rund 1,7 in unserer Android-Abfrage darf deshalb nicht als Ausfallquote gelesen werden.
Die Häufung ähnlicher Problembeschreibungen über einen langen Zeitraum ist trotzdem relevant. Und ausgerechnet im Bereich Echtzeitinformation liegt ein Teil der Ursache möglicherweise gar nicht vollständig bei der BVG-App. In einer aktuellen Antwort erklärt die BVG beispielsweise, dass S-Bahn-Daten vom VBB geliefert werden und Fahrinfo darauf angewiesen ist, welche Informationen übermittelt werden.
Aus Sicht des Fahrgasts ändert diese technische Verantwortungsverteilung wenig. Er öffnet eine BVG-App und erwartet eine brauchbare Auskunft. Für eine fachliche Bewertung muss man jedoch zwischen Fehlern der App, Backend-Problemen und mangelhaften oder verspäteten Daten aus vorgeschalteten Systemen unterscheiden.
Der TikTok-Fall zeigt, warum ein „kleiner App-Fehler“ teuer werden kann
Damit sind wir wieder bei dem eingangs erwähnten Fahrgast.
Welches der beiden BVG-Angebote er konkret verwendet hat, lässt sich aus seinem Video nicht zweifelsfrei erkennen. Er spricht lediglich von der BVG-App. Genau deshalb ordnen wir den Fall keiner der Anwendungen eindeutig zu.
Seine Beschreibung passt allerdings zu einem Fehlerbild, das in beiden Review-Datensätzen vorkommt: Das Ticket wurde gekauft oder ein Abo war vorhanden, im entscheidenden Moment ließ sich der Fahrschein trotzdem nicht anzeigen.
Unter dem Video melden sich außerdem weitere Nutzer mit ähnlichen Erfahrungen. Einer berichtet, dass er nach Problemen mit der BVG-App auf Jelbi ausgewichen sei. Andere schildern verschwundene Tickets oder nicht erreichbare Codes. Solche Kommentare sind keine belastbare Statistik und beweisen keinen gemeinsamen technischen Defekt. Zusammen mit den Store-Bewertungen und den von der BVG bestätigten Störungen werden sie allerdings interessanter.
Besonders deutlich wird das bei einer Fahrinfo-Rezension vom Juli 2026, die auch öffentlich im Play Store sichtbar ist. Eine Nutzerin berichtet, ihr Deutschlandticket habe sich während einer Fahrt bereits zweimal nicht anzeigen lassen; in einem Fall sei ein erhöhtes Beförderungsentgelt entstanden. Die BVG empfiehlt in ihrer Antwort unter anderem regelmäßiges Aus- und Einloggen, einen Pull-to-Refresh und gegebenenfalls einen Neustart des Smartphones.
Als Support-Hinweis ist das nachvollziehbar. Aus Sicht eines App-Produkts wirft es Fragen auf.
Ein digitaler Fahrschein ist während einer Kontrolle ein Nachweis. Genau für diesen Moment sollte seine Verfügbarkeit möglichst robust sein. Wenn sich ein gültiges Ticket bereits auf dem Gerät befand, wäre aus Nutzersicht wünschenswert, dass es auch bei einer vorübergehenden Störung des Login- oder Backend-Systems weiterhin kontrollierbar bleibt. Welche Daten die BVG-Apps lokal zwischenspeichern, welche Sicherheitsanforderungen dagegenstehen und warum gültige Tickets in einzelnen Fällen offenbar nicht abrufbar waren, lässt sich von außen nicht klären.
Das wäre eine der ersten Fragen an das Produktteam.
„Ticket auswählen, kaufen – fertig“ ist ein großes Versprechen
Die BVG selbst beschreibt ihre Ticket-App mit dem Versprechen „Ticket auswählen, kaufen – fertig“. Die App soll gezielt auf den schnellen Ticketkauf reduziert sein. Fahrinfo wiederum soll Routenplanung, Fahrgastinformation und Ticketkauf verbinden.
Gerade deshalb sollte die Ticket-App an einer relativ einfachen Produktfrage gemessen werden: Kann ein Nutzer zuverlässig kaufen, aktivieren und anschließend sein gültiges Ticket vorzeigen?
Natürlich ist die technische Realität dahinter erheblich komplizierter. Accountsystem, Zahlungsdienstleister, Tariflogik, Ticketing-Backend, Betrugsprävention und Kontrollsystem müssen zusammenspielen. Bei einigen Tickets läuft zudem ein 60-Sekunden-Countdown, bevor sie gültig werden. Die BVG erklärt diesen unter anderem mit Betrugsprävention.
Diese Komplexität darf intern vorhanden sein. Für den Fahrgast sollte sie möglichst wenig sichtbar werden.
Unsere Auswertung legt nahe, dass sie derzeit an zu vielen Stellen sichtbar wird.
Auffällig ist auch der Unterschied zwischen Android und iPhone
Eine weitere Zahl passt zunächst überhaupt nicht ins Bild.
Während unsere deutsche Google-Play-Abfrage für die Ticket-App nur rund 2,35 Sterne liefert, steht dieselbe Anwendung im deutschen Apple App Store aktuell bei 4,5 von 5 Sternen und mehr als 43.000 Bewertungen. Fahrinfo erreicht unter iOS immerhin rund 3,1 Sterne.
Die Zahlen aus beiden Stores sind methodisch nicht direkt vergleichbar. Apple und Google berechnen und präsentieren Ratings unterschiedlich, außerdem unterscheiden sich Nutzerbasis und Bewertungshistorie. Trotzdem ist der Abstand bei der Ticket-App auffällig groß.
Für eine technische Analyse wäre deshalb interessant, ob die BVG selbst deutliche Plattformunterschiede sieht. Crash-Free-Sessions, Login-Fehlerraten, erfolgreiche Ticketabrufe oder Probleme einzelner Android-Versionen könnten hier wesentlich mehr erklären als Sterne.
Wenn die Ticket-App unter iOS tatsächlich deutlich stabiler läuft, wäre das ein konkreter Ansatzpunkt. Falls die operativen Kennzahlen auf beiden Plattformen ähnlich sind, müsste man eher über Bewertungshistorie und Nutzerdemografie sprechen.
Die BVG liest die Reviews – daran liegt es nicht
Bemerkenswert positiv ist die Reaktionsquote der BVG.
Von den 139 in unserer Stichprobe enthaltenen Ticket-App-Rezensionen aus 2026 wurden 137 beantwortet. Bei Fahrinfo finden wir Antworten bei 88 von 89 Bewertungen. Das sind jeweils rund 99 Prozent.
Das Produktteam oder zumindest der Support bekommt das Feedback also mit.
In vielen Antworten werden konkrete technische Hinweise gegeben, Fehler eingeräumt oder Nutzer an appsupport@bvg.de verwiesen. Bei bekannten Störungen nennt die BVG zum Teil sogar konkrete Uhrzeiten. Das ist erheblich besser als bei vielen Apps, deren Store-Bereiche praktisch unbeaufsichtigt bleiben.
Gleichzeitig fällt auf, wie häufig Problemlösungen wie Neuanmeldung, Logout/Login, Neustart, erneute Installation oder Kontaktaufnahme mit dem Support notwendig erscheinen.
Bei einer Freizeit-App sind solche Workarounds lästig. Bei einem Kontrollmedium entsteht ein anderes Anforderungsniveau. Niemand möchte während einer Fahrscheinkontrolle erklären, dass er jetzt kurz die App neu installieren und sich anschließend erneut anmelden muss.
Das zentrale Backend sollte vieles vereinfachen – jetzt interessiert seine reale Zuverlässigkeit
Technisch ist die Richtung der BVG nachvollziehbar. Ein gemeinsames Ticketing-Backend für mehrere digitale Kanäle reduziert redundante Systeme und kann Entwicklung, Support und Vertrieb vereinfachen. Genau mit solchen Vorteilen wurde das neue System angekündigt.
Zentralisierung schafft gleichzeitig gemeinsame Abhängigkeiten.
Die von der BVG selbst bestätigte Störung vom 16. Juli 2026 betraf nach ihrer Formulierung „alle BVG-Apps“. Am 9. Juli waren Login, Ticketkauf und die Anzeige des Deutschlandtickets zeitweise nicht verfügbar. Am 1. August folgte ein weiterer Vorfall mit vielen entsprechenden Store-Berichten.
Von außen können wir daraus keine Root Cause ableiten. Denkbar wären Probleme im zentralen Accountsystem, im Ticketing-Backend, in vorgelagerten Diensten oder in einer ganz anderen Komponente. Eine technische Zuordnung ohne Stellungnahme der BVG wäre Spekulation.
Für uns ergibt sich daraus allerdings eine konkrete Frage: Welche Verfügbarkeitsziele gelten inzwischen für die digitale Ticketinfrastruktur der BVG, und wie häufig wurden diese 2026 unterschritten?
Das ist wesentlich aussagekräftiger als die nächste Diskussion darüber, ob 1,7 Sterne gerecht oder ungerecht sind.
Nach drei Jahren bleiben wichtige Fragen offen
Nach drei Jahren Beobachtung lässt sich die Entwicklung der BVG Fahrinfo recht gut nachvollziehen. 2023 lag die App in unserer damaligen Betrachtung noch bei 3,8 Sternen. Im Sommer 2024 folgte die große Neuentwicklung mit neuer Oberfläche und neuer Ticketing-Infrastruktur. Ende 2024 dokumentierten wir einen Absturz auf rund 1,5 Sterne. Im September 2026 liegt Fahrinfo in unserer deutschen Android-Abfrage weiterhin nur bei etwa 1,65 Sternen.
Die ausgewerteten Rezensionen zeigen zugleich, dass es längst nicht mehr nur um Geschmacksfragen beim Design geht. Nutzer berichten wiederholt von Problemen beim Login, beim Ticketkauf und beim Zugriff auf bereits vorhandene Fahrscheine. Mehrere technische Störungen im Sommer 2026 hat die BVG in ihren Antworten im Play Store selbst bestätigt.
Damit stellen sich konkrete Fragen. Wie zuverlässig arbeitet die digitale Ticketinfrastruktur im Alltag tatsächlich? Können bereits gekaufte Tickets so auf dem Smartphone gespeichert werden, dass sie auch bei einem vorübergehenden Ausfall des Backends oder der Anmeldung kontrollierbar bleiben? Wie häufig kommt es vor, dass Deutschlandtickets oder andere Fahrscheine zeitweise nicht angezeigt werden? Und was passiert, wenn einem Fahrgast dadurch zusätzliche Kosten entstehen?
Auch der deutliche Unterschied zwischen Android und iOS verdient eine Erklärung. Während die Ticket-App unter Android sehr schlecht bewertet wird, erreicht sie im Apple App Store ein deutlich besseres Ergebnis. Ob dahinter technische Unterschiede, eine andere Nutzerstruktur oder die jeweilige Bewertungshistorie steckt, lässt sich von außen nicht seriös beantworten.
Wir haben die BVG deshalb um eine Stellungnahme zu diesen Punkten gebeten und werden ihre Antworten in diesem Beitrag ergänzen.
Die Sterne sind inzwischen eher Symptom als Diagnose
Man kann App-Store-Bewertungen leicht überbewerten. Nutzer schreiben häufiger, wenn etwas schiefgeht, und Verkehrs-Apps haben zusätzlich das Problem, dass Ärger über Verspätungen oder ausgefallene Fahrzeuge teilweise auf die Anwendung übertragen wird. Unsere 3.000 Rezensionen sind außerdem eine große Stichprobe, keine repräsentative Befragung aller BVG-Fahrgäste.
Trotzdem bleibt nach der Auswertung ein ungewöhnlich konsistentes Bild.
Bei Fahrinfo häufen sich seit dem großen Relaunch Beschwerden über Routenplanung, Echtzeitinformationen und Bedienung. Bei beiden Anwendungen tauchen Ticketzugriff, Login und zeitweise nicht verfügbare Fahrscheine immer wieder auf. Für mehrere Ausfälle des Jahres 2026 liefert die BVG selbst die Bestätigung.
Gleichzeitig zeigt die hohe Zahl beantworteter Rezensionen, dass das Unternehmen diese Rückmeldungen durchaus sieht. Die entscheidende Frage ist deshalb inzwischen weniger, ob die BVG von den Problemen weiß. Spannender ist, welche Ursachen sie intern dafür sieht, wie häufig solche Vorfälle tatsächlich auftreten und warum sich die Android-Bewertungen auch zwei Jahre nach dem großen Neustart nicht deutlicher erholt haben.
Genau darüber würden wir gern mit der BVG sprechen.
So haben wir ausgewertet
Für diesen Beitrag haben wir am 15. September 2026 jeweils 1.500 deutschsprachige Google-Play-Rezensionen der Apps „BVG Tickets: Bus + Bahn Berlin“ und „BVG Fahrinfo: Routenplaner“ abgerufen und nach Bewertungsverteilung, Datum, Begriffen, Themen und Entwicklerantworten ausgewertet. Die erfassten Rezensionen reichen bis 2018 zurück. Die aktuelle Analyse berücksichtigt außerdem offizielle Informationen von BVG, Google, S-Bahn Berlin sowie Angaben zur technischen Infrastruktur von eos.uptrade und Hacon.
Die Review-Stichprobe bildet nicht zwangsläufig sämtliche in Google Play vorhandenen Bewertungen ab. Themenanteile beruhen auf einer automatisierten Schlüsselwort- und Clusteranalyse und wurden anschließend anhand der Originaltexte geprüft. Mehrere Kategorien können innerhalb derselben Rezension vorkommen. Google Play zeigt Bewertungen zudem abhängig von Land und Gerät an. Die genannten aktuellen Android-Werte beziehen sich deshalb ausdrücklich auf unsere deutsche Abfrage vom 15. September 2026.
Update vom 28. September 2026: Die BVG hat inzwischen ausführlich auf unsere Fragen zu Fahrinfo und Ticket-App geantwortet. Unter anderem erklärt das Unternehmen, wie bereits heruntergeladene Tickets bei Störungen verfügbar bleiben sollen, was hinter einzelnen Ausfällen im Sommer steckte und wie mit zusätzlichen Kosten durch technische Probleme umgegangen wird. Außerdem kündigt die BVG weitere Verbesserungen an den Apps an: BVG Apps 2026: So erklärt die BVG Ticketprobleme und was jetzt verbessert werden soll


