WhatsApp gehört in Deutschland zu den Apps, bei denen eine neue Funktion schnell sehr viele Menschen betrifft. Eine exakte aktuelle Nutzerzahl für Deutschland veröffentlicht Meta nicht. Für das zweite Quartal 2025 kamen We Are Social und DataReportal auf eine monatliche Nutzung durch rund 85 Prozent der Internetnutzer ab 16 Jahren; Statista schätzt die Zahl der WhatsApp-Nutzer hierzulande auf mehr als 53 Millionen Menschen. Zum Vergleich: Destatis ermittelte für 2025, dass insgesamt 83 Prozent der 16- bis 74-Jährigen Messenger wie WhatsApp, Signal oder Telegram verwenden.
Trotz Status, Kanälen, Meta AI und immer neuen Zusatzfunktionen besteht der Kern von WhatsApp weiterhin aus drei ziemlich einfachen Dingen: privaten Nachrichten samt Fotos, Videos und Sprachnachrichten, Gruppenchats sowie Sprach- und Videoanrufen. Gerade Gruppen haben sich tief in den Alltag geschoben. Laut Bitkom waren Anfang 2026 bereits 63 Prozent der Deutschen Mitglied in mindestens einem Messenger-Gruppenchat. WhatsApp-Kanäle wirken dagegen bislang deutlich weniger zentral; in der ARD/ZDF-Medienstudie 2024 hatten sie erst 14 Prozent genutzt.
Genau in diesem privaten Kernbereich probiert WhatsApp jetzt eine Funktion aus, die technisch deutlich interessanter ist als neue Hintergrundbilder oder zusätzliche Emojis.
In diesem Artikel7 Abschnitte
Scam Alert analysiert Nachrichten unbekannter Absender
WhatsApp nennt die neue Funktion Scam Alert. Sie befindet sich derzeit in einem begrenzten Betatest. In der Android-Beta 2.26.34.2 haben einige Nutzer bereits Zugriff darauf. Der Schutz ist freiwillig und muss aktiviert werden.
Danach lädt WhatsApp ein Machine-Learning-Modell auf das Smartphone. Kommt eine Nachricht von einer Person, die nicht in den Kontakten gespeichert ist, untersucht dieses Modell den Gesprächsverlauf auf bekannte Betrugsmuster. Dabei geht es laut Meta unter anderem um sprachliche Signale und die Struktur der Konversation. Erkennt das System ein erhöhtes Risiko, erscheint direkt im Chat eine Warnung. Der Absender sieht davon nichts.
Der Nutzer kann anschließend den Kontakt blockieren oder melden, die Unterhaltung trotzdem fortsetzen oder sie als vertrauenswürdig markieren. In diesem Fall soll der betreffende Chat nicht erneut durch Scam Alert beanstandet werden.
Interessant ist dabei, was Scam Alert gerade nicht ist: Es handelt sich nicht um ein großes lokales Sprachmodell, das einen komplizierten deutschen Chat wie ChatGPT interpretiert. Meta beschreibt ein vergleichsweise kleines Klassifikationsmodell, das anhand bekannter Scam-Unterhaltungen trainiert wurde und Wahrscheinlichkeiten berechnet.
Das erklärt auch, warum so etwas überhaupt komplett auf einem Smartphone laufen kann.
Liest WhatsApp damit plötzlich deine Nachrichten?
Technisch findet tatsächlich eine Analyse des Nachrichteninhalts statt. Der entscheidende Punkt ist, wo diese Analyse erfolgt.
Meta gibt an, dass sowohl die Nachricht als auch das Modell auf dem Smartphone bleiben. Der Inhalt werde für die Klassifizierung weder an WhatsApp noch an Meta übertragen. Selbst die Information, dass Scam Alert gerade angeschlagen hat, soll nicht zusammen mit dem Chat an Meta gesendet werden. Erst wenn der Nutzer selbst einen Kontakt meldet oder freiwillig Nachrichten zur Verbesserung des Systems freigibt, können Inhalte übertragen werden.
Und hier wird die Sache überraschend interessant: Meta verlässt sich bei dieser Behauptung nicht ausschließlich auf ein „Vertraut uns“.
Jede Modellversion soll vor der Verteilung in einem öffentlichen, nachträglich nicht veränderbaren Transparenzregister erfasst werden. Die Modellgewichte sollen für Sicherheitsforscher verfügbar sein. Nutzer können zudem über ein Transparenzprotokoll nachvollziehen, welche Nachrichten durch Scam Alert geprüft wurden, welches Ergebnis herauskam und welche Modellversion dafür verantwortlich war.
Das ist erheblich transparenter, als ich nach der ersten Ankündigung erwartet hätte.
Aber versteht Scam Alert einen schlechten Witz?
Damit bleibt das praktisch viel spannendere Problem: Wie gut funktioniert die Erkennung?
Ein Mensch versteht normalerweise, ob der Freund mit „Überweis mir sofort 500 Euro, sonst kommt die Polizei“ einen schlechten Scherz macht oder ob sich tatsächlich ein Fremder als Familienmitglied ausgibt. Ein kleiner Klassifikator muss solche Situationen anhand statistischer Muster auseinanderhalten.
Meta berücksichtigt Fehlalarme ausdrücklich. Erfasst wird beispielsweise anonymisiert, wie häufig Nutzer nach einer Warnung einen Absender trotzdem als vertrauenswürdig einstufen. Diese aggregierten Werte sollen helfen, die False-Positive-Rate zu beurteilen. Konkrete öffentlich belastbare Trefferquoten für Scam Alert nennt Meta in der technischen Beschreibung allerdings bislang nicht.
Gerade für Deutsch dürfte das interessant werden. Ironie, Umgangssprache und harmlose Nachrichten über Geld, Passwörter oder dringende Überweisungen können sprachlich durchaus Eigenschaften besitzen, die auch in Betrugsnachrichten vorkommen.
Von Zensur würde ich deshalb trotzdem nicht sprechen. WhatsApp löscht die Nachricht nicht, blockiert den Kontakt nicht automatisch und informiert den Absender nicht. Die Entscheidung bleibt beim Empfänger. Eine auffällige rote Betrugswarnung kann die Wahrnehmung einer Unterhaltung allerdings erheblich beeinflussen. Wie oft das zu Fehlalarmen führt, dürfte deshalb mindestens so wichtig sein wie die reine Trefferquote.
WhatsApp baut den Schutz vor Account-Übernahmen gleichzeitig deutlich aus
Scam Alert kommt nicht allein. Ende August hat WhatsApp die bisherige sechsstellige PIN seiner optionalen Verifizierung in zwei Schritten durch ein richtiges Passwort ergänzt. Dieses darf länger sein sowie Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen enthalten. WhatsApp unterstützt zudem mehrere Passkeys für Nutzer, die beispielsweise Android und iPhone parallel verwenden. Nach Angaben des Unternehmens haben weltweit inzwischen mehr als eine Milliarde Nutzer mindestens einen Passkey eingerichtet.
Auch Anrufe unbekannter Nummern bekommen auf Android mehr Kontext. WhatsApp kann beispielsweise anzeigen, dass die Nummer aus einem anderen Land stammt oder dass gemeinsame Gruppen existieren. Das soll vor allem bei typischen Scam-Anrufen helfen, bei denen mit Zeitdruck gearbeitet wird.
Davon zu unterscheiden ist die bereits vorhandene App-Sperre. Auf dem iPhone lässt sich WhatsApp etwa per Face ID oder Touch ID absichern; für einzelne Chats gibt es zusätzlich die Chatsperre samt eigenem Geheimcode. Das neue Passwort der Zwei-Schritt-Verifizierung schützt dagegen den Account bei einer erneuten Registrierung und ist kein Passwort, das du bei jedem Öffnen von WhatsApp eingeben musst.
Eine zweite neue Funktion läuft ebenfalls komplett lokal
Seit diesem Wochenende wird außerdem an einer Funktion gearbeitet, mit der Nutzer eine Nachricht diktieren und anschließend als normalen Text verschicken können. WhatsApp zeichnet also keine Sprachnachricht zum Versenden auf, sondern verwandelt das Gesprochene direkt in Text.
Nach Informationen von WABetaInfo soll dafür ein Sprachpaket auf das Smartphone geladen werden. Die Umwandlung funktioniert anschließend offline. Die Funktion befindet sich derzeit noch in Entwicklung und ist noch kein regulärer Bestandteil von WhatsApp.
Das ist eine kleine Änderung, bei der der Nutzwert ziemlich offensichtlich ist: Man kann unterwegs sprechen, ohne dem Empfänger anschließend eine lange Sprachnachricht zu schicken.
Auch mehrere Accounts und WhatsApp-Anrufe ohne WhatsApp stehen an
Im September sind noch zwei weitere Funktionen aufgetaucht, die größer werden könnten. WhatsApp arbeitet unter iOS daran, statt bisher zwei künftig bis zu drei Accounts innerhalb derselben App zu verwalten. Chats, Einstellungen und Benachrichtigungen bleiben dabei voneinander getrennt.
Noch interessanter ist ein geplantes Gastmodell für Anrufe. Nutzer sollen künftig einen Link verschicken können, über den auch Personen ohne WhatsApp-Konto einem WhatsApp-Anruf im Browser beitreten. Der Gastgeber muss Gäste zulassen; auch diese Verbindungen sollen Ende-zu-Ende-verschlüsselt sein. Das nähert WhatsApp funktional ein Stück weit Diensten wie Google Meet oder Teams an. Die Funktion befindet sich ebenfalls noch in Entwicklung.
WhatsApp verändert sich gerade an einer interessanten Stelle
Viele WhatsApp-Updates der vergangenen Jahre waren zusätzliche Oberflächen: Status, Kanäle, Communities, KI, Themes. Die aktuellen Änderungen greifen stärker in die eigentliche Kommunikation ein.
Besonders der Scam Alert wird deshalb interessant zu beobachten sein. Technisch ist die Idee plausibel: Ein kleines Modell sucht lokal nach Mustern bekannter Betrugsversuche, während die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bestehen bleibt. Meta hat dafür ungewöhnlich umfangreiche Mechanismen zur Überprüfbarkeit angekündigt. Ob der Schutz im deutschen Alltag tatsächlich zuverlässig zwischen Scam, merkwürdigen Nachrichten und ziemlich schlechtem Humor unterscheiden kann, lässt sich aus der technischen Architektur allerdings noch nicht beantworten.
Und genau daran wird sich entscheiden, ob Scam Alert irgendwann eine Funktion wird, die man selbstverständlich aktiviert – oder eine, deren Warnungen man nach drei Fehlalarmen ignoriert.



