Corona-Warn-App im Rückblick: 48,67 Millionen Downloads, 214 Millionen Euro – was bleibt?

7 Min. Lesezeit

Auf meinem aktuellen iPhone liegt noch immer die Corona-Warn-App. Ich habe sie schlicht nie gelöscht und bei Gerätewechseln weiter mitgenommen. Wer die Corona-Warn-App heute noch auf dem iPhone hat, kann bei mir zwar noch die Abschiedsseite öffnen – meine früher gespeicherten Zertifikate und Tagebuchdaten sind aber nicht mehr erreichbar. Beim Zugriff auf diese Bereiche erscheint nur noch ein DatenbankfehlerSQLiteErrorCode.unknown: 26. Hinter dem kryptischen Hinweis steckt ein recht konkreter Datenbankfehler: SQLite-Code 26 bedeutet, dass eine Datei nicht mehr als gültige SQLite-Datenbank erkannt wird. Meine früheren Daten sind in der App jedenfalls nicht mehr sichtbar. Ob sie tatsächlich gelöscht wurden oder die inzwischen seit Jahren nicht mehr gepflegte App ihre lokale Datenbank nach mehreren Gerätewechseln schlicht nicht mehr lesen kann, lässt sich daraus nicht feststellen. Ursprünglich war vorgesehen, dass Zertifikate und Einträge im Kontakt-Tagebuch auch im Ruhemodus lokal erhalten bleiben.

Die Corona-Warn-App startete im Juni 2020 als Kontaktwarnsystem. Bis zu ihrem Ruhemodus im Jahr 2023 entwickelte sie sich zu einer deutlich umfangreicheren Plattform. Fast 49 Millionen Downloads, angeschlossene Labore und Teststellen sowie Gesamtkosten von rund 214 Millionen Euro zeigen, welche Größenordnung das Projekt erreichte.

In diesem Artikel8 Abschnitte

Die Corona-Warn-App entstand unter ungewöhnlichem Zeitdruck

Die Corona-Warn-App erschien am 16. Juni 2020. Entwickelt wurde sie im Auftrag des Bundes von SAP und der Deutschen Telekom beziehungsweise T-Systems. SAP verantwortete wesentliche Teile von App und Plattform, die Telekom unter anderem Infrastruktur und Backend.

Der Quellcode war bereits während der Entwicklung öffentlich auf GitHub verfügbar. Die heute archivierten Repositories enthalten unter anderem die Anwendungen für iOS und Android, Backend-Komponenten und umfangreiche technische Dokumentation.

Für ein staatlich beauftragtes Digitalprojekt war dieser offene Entwicklungsprozess bemerkenswert. Externe Entwickler und Sicherheitsforscher konnten die Umsetzung prüfen, Fehler melden und Diskussionen direkt in den Repositories verfolgen. Gerade bei einer Anwendung, deren Akzeptanz stark von Datenschutz und Vertrauen abhing, war diese Transparenz technisch relevant.

Eine häufige Darstellung in heutigen Rückblicken ist deshalb falsch: Der Quellcode wurde nicht erst nach dem Ende der Corona-Warn-App veröffentlicht. Das Projekt war von Anfang an öffentlich einsehbar.

Die Risikoermittlung lief weitgehend auf dem Smartphone

Das Contact Tracing basierte auf dem von Apple und Google bereitgestellten Exposure-Notification-System. Smartphones tauschten über Bluetooth regelmäßig wechselnde Kennungen aus. Informationen über Begegnungen wurden lokal auf den Geräten gespeichert.

Die App versuchte anhand von Dauer und Bluetooth-Signalstärke einzuschätzen, ob eine Begegnung ein relevantes Infektionsrisiko darstellen könnte. GPS-Standorte waren dafür nicht erforderlich.

Meldete ein Nutzer freiwillig ein positives Testergebnis, konnten die dafür relevanten Kennungen bereitgestellt werden. Andere Geräte prüften anschließend lokal, ob eine entsprechende Begegnung vorgelegen hatte.

Diese Architektur reduzierte die Menge zentral gespeicherter personenbezogener Daten erheblich. Gleichzeitig erschwerte sie die spätere wissenschaftliche Auswertung. Das Robert Koch-Institut konnte nicht einfach auf eine zentrale Datenbank mit allen Begegnungen, Warnungen und anschließenden Infektionen zugreifen. Für die Evaluation wurden deshalb unter anderem freiwillige Datenspenden, Befragungen, Backend-Daten und Modellrechnungen kombiniert.

Aus der Kontaktwarnung wurde eine umfangreiche Corona-App

Die erste Version war wesentlich einfacher als die App, an die sich viele Nutzer aus den späteren Pandemiejahren erinnern. Nach und nach kamen neue Funktionen hinzu: digitale Testergebnisse, Impfzertifikate, ein Kontakt-Tagebuch und Check-ins bei Veranstaltungen oder in Geschäften.

2021 haben wir beispielsweise beschrieben, wie das Einchecken mit der Corona-Warn-App funktionierte und wie die App Impfzertifikate prüfte. 2022 ging es bereits um auslaufende Zertifikate und deren Darstellung in den Apps.

Mit dem Funktionsumfang wuchs auch die Infrastruktur. Nach Angaben der Bundesregierung waren zeitweise rund 270 Labore und etwa 20.000 Teststellen angebunden. Mehr als 240 Millionen Testergebnisse wurden digital bereitgestellt, rund neun Millionen positive Ergebnisse über die App geteilt.

Damit war die Corona-Warn-App spätestens in ihrer späteren Phase weit mehr als eine kleine Bluetooth-Anwendung. Hinter dem sichtbaren App-Interface standen Server, Laboranbindungen, Supportsysteme und Schnittstellen zu zahlreichen externen Stellen.

Die 214 Millionen Euro waren die Kosten des gesamten Systems

Besonders häufig wird heute die Kostensumme zitiert. Nach Angaben der Bundesregierung wurden bis zum 31. Juli 2023 rund 214 Millionen Euro brutto auf Basis der abgeschlossenen Verträge ausgegeben.

Die Ausgaben verteilten sich über mehrere Jahre. Für 2020 wurden rund 52,8 Millionen Euro angegeben, 2021 rund 78,8 Millionen Euro, 2022 rund 68,6 Millionen Euro und 2023 noch etwa 13,8 Millionen Euro.

Die Summe lässt sich deshalb nicht mit reinen Entwicklungskosten gleichsetzen. Die anfängliche Entwicklung der App wurde 2020 mit rund 15 Millionen Euro beziffert. Hinzu kamen über die gesamte Laufzeit Betrieb, Hosting, Hotline, Sicherheitsmaßnahmen, Weiterentwicklung sowie die Anbindung von Laboren und Teststellen.

Gerade Hotline, Hosting und die technische Integration der Teststellen gehörten laut Bundesregierung zu den größten Kostenblöcken.

Die oft verkürzte Aussage „214 Millionen Euro für eine App“ beschreibt die tatsächliche Struktur des Projekts daher nur unzureichend. Bezahlt wurde über drei Jahre eine digitale Infrastruktur, deren Smartphone-App lediglich der sichtbare Teil war.

48,67 Millionen Downloads sagen noch wenig über aktive Nutzer

Insgesamt wurde die Corona-Warn-App 48,67 Millionen Mal heruntergeladen. Allein zwischen Juni und Dezember 2020 kamen knapp 24,8 Millionen Downloads zusammen. 2021 folgten rund 14,8 Millionen, 2022 etwa 8,5 Millionen.

Für eine deutsche App sind das enorme Zahlen. Als Nutzungsstatistik taugen Downloads allerdings nur eingeschränkt. Neuinstallationen und Gerätewechsel können mehrfach gezählt werden, während ein Download nichts darüber aussagt, wie lange die Anwendung anschließend aktiv genutzt wurde.

Für 2022 ging die Bundesregierung von mindestens 25 Millionen aktiven Nutzern aus. Bei einer Contact-Tracing-App war diese Verbreitung besonders relevant, weil die Wahrscheinlichkeit einer Warnung direkt davon abhing, wie viele Menschen das System gleichzeitig verwendeten.

Wie wirksam war die Corona-Warn-App tatsächlich?

Technisch lässt sich relativ gut nachvollziehen, was die App tat. Sie verteilte Testergebnisse, registrierte Begegnungen, berechnete Risiken und konnte Nutzer warnen.

Deutlich schwieriger ist die Frage, wie viele Infektionen dadurch tatsächlich verhindert wurden.

Die Bundesregierung verwies 2023 auf vorläufige Modellierungen, nach denen die Corona-Warn-App einen reduzierenden Einfluss auf Infektionen und Todesfälle gehabt habe. Gleichzeitig wurden diese Ergebnisse ausdrücklich als vorläufig bezeichnet.

Das Problem liegt teilweise in der gewählten Architektur selbst. Weil zentrale Daten über Kontakte und das anschließende Verhalten der Nutzer bewusst nur begrenzt erhoben wurden, fehlen genau die Datensätze, mit denen sich der epidemiologische Effekt besonders einfach messen ließe.

Das bedeutet nicht, dass die App wirkungslos gewesen wäre. Es bedeutet, dass ihre Wirkung wesentlich schwieriger zu quantifizieren ist als etwa Downloadzahlen, Testergebnisse oder die Zahl geteilter positiver Befunde.

Seit Juni 2023 befindet sich die App im Ruhemodus

Am 1. Juni 2023 wurde die Corona-Warn-App mit Version 3.2 in den Ruhemodus versetzt. Anschließend verschwand sie aus Apples App Store und aus Google Play. Bereits vorhandene Installationen wurden nicht automatisch entfernt.

Der frühere Austausch mit anderen Installationen und großen Teilen der Backend-Infrastruktur findet seitdem nicht mehr statt. Updates gibt es ebenfalls keine. Lokal gespeicherte Inhalte können teilweise weiterhin angezeigt werden.

Deshalb lässt sich die App auf meinem iPhone auch 2026 noch öffnen. Daraus ergibt sich keine besondere technische Funktion mehr. Die Installation ist schlicht bei mehreren Gerätewechseln erhalten geblieben.

Die Corona-Warn-App war am Ende digitale Infrastruktur mit App-Oberfläche

Rückblickend erklärt sich ein Teil der damaligen Diskussionen dadurch, dass die Corona-Warn-App häufig wie eine gewöhnliche Smartphone-App betrachtet wurde. Ihre Kosten, Entwicklung und technische Struktur entsprachen spätestens nach den Erweiterungen eher einem größeren digitalen Infrastruktursystem.

Dazu gehörten Apps für zwei Betriebssysteme, Backend-Dienste, Serverbetrieb, Sicherheitsprüfungen, Hotlines, Labore, Teststellen und später weitere Funktionen rund um Zertifikate und Check-ins.

Die hohen Gesamtkosten bleiben damit eine legitime Frage. Ebenso wichtig ist die genaue Trennung zwischen Entwicklung, laufendem Betrieb und angeschlossener Infrastruktur. Die Zahl von 214 Millionen Euro allein beantwortet diese Frage nicht.

Auch die 48,67 Millionen Downloads liefern keine abschließende Bewertung. Sie zeigen vor allem, welche Reichweite ein staatliches App-Projekt in einer außergewöhnlichen Situation erreichen konnte. Wie groß der konkrete epidemiologische Nutzen war, lässt sich wesentlich schwerer in eine einzelne Zahl übersetzen.

Für die nächste Pandemie reicht es deshalb nicht, wieder schnell eine App zu entwickeln. Schon beim Start muss feststehen, wie sich ihre Wirkung später seriös messen lässt. Datenschutz, Open Source und eine dezentrale Architektur haben bei der Corona-Warn-App wichtige Anforderungen erfüllt. Gleichzeitig zeigt der Rückblick, wie schwierig eine Bewertung wird, wenn Reichweite, technische Aktivität und tatsächlicher gesundheitlicher Effekt auseinanderfallen. Beim nächsten Mal sollte die Evaluation deshalb von Anfang an Teil der technischen Architektur sein – und nicht erst beginnen, wenn die App bereits Millionen Nutzer hat.

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