Neverness to Everness gehört zu diesen Mobile Games, bei denen schon die ersten Bilder einen ziemlich klaren Reflex auslösen: Das sieht nach einem dieser Spiele aus, die auf dem Papier fast zu viel wollen. Eine große moderne Stadt, Anime-Rollenspiel, schnelle Kämpfe, Gacha-System, Fahrzeuge, Story, Charakterwechsel, Controller-Support und dann auch noch der Vergleich mit GTA. Genau dieser Vergleich hat rund um Neverness to Everness für viel Aufmerksamkeit gesorgt, denn ein echtes Open-World-Anime-RPG mit frei befahrbarer Stadt ist auf Android und iOS noch immer keine Selbstverständlichkeit.
Der Reiz ist leicht zu verstehen. Viele mobile Rollenspiele setzen auf schöne Charaktere, Effektgewitter und tägliche Aufgaben, bleiben aber in ihren Arealen stark begrenzt. Neverness to Everness versucht dagegen, eine lebendige Stadt als Spielplatz aufzubauen. Straßenverkehr, NPCs, Lichteffekte, Reflexionen, Fahrzeuge und Kämpfe gegen Anomalien sollen zusammen eine Welt ergeben, die sich weniger wie ein Menü mit Missionen und mehr wie ein richtiger Ort anfühlt. Genau hier liegt der große Verspruch des Spiels: Es will nicht nur ein weiteres Gacha-RPG sein, sondern ein urbanes Anime-Abenteuer mit echter Bewegungsfreiheit.
Der Haken ist allerdings früh sichtbar. Wer Neverness to Everness nur wegen des angeblichen GTA-Gefühls startet und sofort ein Auto schnappen, durch die Stadt fahren und die Welt erkunden will, wird zunächst ausgebremst. Das Spiel öffnet seine Fahrzeugmechanik nicht direkt, sondern schickt dich erst einmal durch einen längeren Einstieg. Das ist kein kleines Detail, sondern eine ziemlich wichtige Erwartungsfrage. Wenn die Vermarktung vor allem über Stadt, Autos und Freiheit funktioniert, wirkt ein mehr als einstündiger Vorlauf bis zum eigentlichen Fahrspaß unnötig zäh.
Trotzdem wäre es falsch, Neverness to Everness nur an diesem langsamen Start aufzuhängen. Denn technisch und spielerisch steckt hier mehr drin als der übliche Mobile-Hype. Gerade auf Android macht das Spiel einen erstaunlich stabilen Eindruck. Für ein schweres Open-World-Spiel mit Anime-Grafik, Effekten und dichter Stadtkulisse ist das keine Nebensache. Viele Titel dieser Größenordnung kämpfen zum Start mit Überhitzung, Rucklern, Abstürzen oder massiven Grafikfehlern. Neverness to Everness wirkt in dieser Hinsicht überraschend sauber.
Die Stadt ist der eigentliche Star von Neverness to Everness
Der erste starke Eindruck entsteht klar über die Optik. Neverness to Everness sieht auf dem Smartphone beeindruckend aus. Die Stadt wirkt nicht wie eine leere Kulisse, sondern wie ein Ort, der zumindest auf den ersten Blick Leben simuliert. Passanten bewegen sich durch die Straßen, Verkehr fährt vorbei, Lichtquellen spiegeln sich auf Oberflächen, und die moderne Anime-Ästhetik passt gut zur urbanen Umgebung.
Gerade für Mobile-Verhältnisse ist das ein wichtiger Punkt. Viele Open-World-Games auf dem Smartphone wirken zwar groß, aber oft auch steril. Hier entsteht schneller ein Gefühl von Dichte. Natürlich darf man keine GTA-Stadt mit voller Systemtiefe erwarten. Neverness to Everness ist kein Verbrecher-Sandbox-Spiel und kein realistischer Stadtsimulator. Es nutzt eher das Versprechen einer frei erkundbaren Metropole, kombiniert mit Anime-RPG-Struktur, Missionen und Charaktersystem.
Kleine technische Schwächen gibt es trotzdem. Schatten können flackern, Reflexionen wirken stellenweise unsauber, und wer sehr genau hinschaut, entdeckt die typischen Kompromisse eines Mobile-Ports. Entscheidend ist aber, dass diese Schwächen das Spielerlebnis offenbar nicht dominieren. Im normalen Spielbetrieb bleibt der Eindruck stark: Neverness to Everness sieht hochwertig aus und läuft für seine Ambitionen erstaunlich rund.
Das GTA-Gefühl kommt, aber zu spät
Der größte Marketing-Haken von Neverness to Everness ist ohne Frage das Fahren. Viele Spieler haben das Spiel nicht nur als Anime-RPG wahrgenommen, sondern als eine Art Gacha-Spiel mit GTA-Anleihen. Genau deshalb ist die Fahrzeugmechanik so wichtig. Und ja, sobald sie freigeschaltet ist, funktioniert sie offenbar ziemlich gut. Das Handling ist sauber, das Cruisen durch die Stadt macht Spaß, und die Möglichkeit, Fahrzeuge anzupassen, gibt dem System einen zusätzlichen Reiz.
Das Problem liegt im Einstieg. Wer direkt nach Spielstart freie Fahrt erwartet, bekommt erst einmal Story, Tutorial und Laufwege. Das kann für klassische RPG-Spieler in Ordnung sein, wirkt aber für die Zielgruppe der „Ich will einfach durch die Stadt fahren“-Spieler wie eine unnötige Hürde. Neverness to Everness verkauft einen Teil seines Reizes über Freiheit, versteckt diese Freiheit aber erst einmal hinter einem längeren Auftakt.
Das ist kein Totalschaden, aber eine merkwürdige Pacing-Entscheidung. Gerade Mobile Games müssen sehr schnell zeigen, warum man bleiben soll. Wenn ein zentrales Feature erst spät greifbar wird, steigt das Risiko, dass ein Teil der Spieler vorher abspringt. Besonders bitter: Das Fahren selbst scheint nicht das Problem zu sein. Es ist nicht schlecht umgesetzt, es ist nur zu spät erreichbar.
Das Kampfsystem ist schnell, aber etwas leichtgewichtig
Abseits der Fahrzeuge ist Neverness to Everness weiterhin ein Anime-Action-RPG. Kämpfe gegen Anomalien setzen auf schnelle Bewegungen, Charakterwechsel und Reaktionen zwischen Attributen. Das erinnert in seiner Struktur an moderne Action-Gachas, bei denen Team-Zusammenstellung, Timing und Skill-Rotation wichtiger sind als stumpfes Draufhauen.
Optisch macht das Kampfsystem viel her. Animationen sind flott, Effekte knallen über den Bildschirm, und das Wechseln zwischen Charakteren bringt Tempo in die Kämpfe. Trotzdem scheint dem System ein wenig physisches Gewicht zu fehlen. Die Treffer sehen spektakulär aus, fühlen sich aber nicht immer so kraftvoll an, wie sie aussehen. Gerade im Vergleich zu Wuthering Waves wirkt Neverness to Everness offenbar etwas weniger wuchtig.
Das bedeutet nicht, dass die Kämpfe schlecht sind. Im Gegenteil: Für ein Mobile Game wirken sie flüssig, zugänglich und ordentlich animiert. Nur fehlt diesem Kampfsystem anscheinend noch der letzte Druck. Dieses kleine „Oomph“, das aus schönen Animationen ein wirklich befriedigendes Actiongefühl macht, ist nicht immer da. Wer vor allem schnelle Anime-Kämpfe mit viel Effekt sucht, dürfte trotzdem auf seine Kosten kommen.
Touch-Steuerung funktioniert, Controller ist besser
Auf Android ist die Touch-Steuerung grundsätzlich brauchbar. Die Oberfläche scheint für schnelle Kämpfe ordentlich angelegt zu sein, auch wenn Menüs und Upgrade-Bereiche etwas verschachtelt wirken können. Das ist ein bekanntes Problem vieler Gacha-RPGs: Der Kampf ist direkt, aber sobald Charaktere, Waffen, Ressourcen, Upgrades und Systeme dazukommen, wird das Menü schnell zur kleinen Verwaltungsprüfung.
Ein Pluspunkt ist der native Controller-Support. Für ein Spiel mit Ausweichen, Parieren, Fahrzeugen und schnellen Kämpfen ist das mehr als ein Komfortdetail. Mit einem Bluetooth-Controller dürfte Neverness to Everness deutlich näher an ein Konsolen-Spielgefühl herankommen. Gerade bei längeren Sessions kann das den Unterschied machen, weil Touch-Steuerung bei komplexeren Actionspielen irgendwann anstrengend wird.
Damit positioniert sich Neverness to Everness ziemlich klar als High-End-Mobile-Game. Es ist nicht nur für kurze Drei-Minuten-Runden gedacht, sondern für Spieler, die auf dem Smartphone oder Tablet ein größeres RPG erleben wollen. Wer zusätzlich einen Controller nutzt, bekommt vermutlich die bessere Version dieses Spiels.
Die Story will viel, trifft aber nicht jeden
Neverness to Everness versucht erzählerisch eine dunklere, emotionale Richtung. Es geht um Gedächtnisverlust, Anomalien in der Stadt und Figuren, die mehr sein sollen als reine Banner-Motive. Dazu kommen typische Anime-Momente, humorvolle Dynamiken und eine ordentliche Vertonung. Auf dem Papier klingt das nach einer soliden Grundlage.
Der emotionale Einschlag scheint aber nicht vollständig zu sitzen. Die Story bemüht sich spürbar um Intensität, erreicht aber offenbar nicht immer die Wirkung, die sie anstrebt. Das ist bei Anime-Gachas ein häufiges Problem. Viele dieser Spiele bauen große Begriffe, mysteriöse Ereignisse und tragische Hintergründe auf, brauchen aber sehr lange, bis daraus echte Bindung entsteht.
Interessant ist dabei, dass die Story nicht als schlecht beschrieben werden muss. Sie wirkt eher wie ein Element, das noch wachsen kann. Figuren wie Mint bringen Persönlichkeit mit, die Welt hat ein klares Mystery-Fundament, und die Stadtanomalien geben dem Setting eine eigene Note. Nur der emotionale Kern bleibt anfangs etwas blass. Wer stark storygetriebene RPGs spielt, sollte hier also keine sofortige Ausnahmeerzählung erwarten.
Das Gacha-System wirkt ungewöhnlich fair
Der spannendste Punkt für viele Spieler dürfte das Gacha-System sein. Neverness to Everness nutzt grundsätzlich bekannte Bausteine: Charakterbanner, Waffen-Pulls und zufallsbasierte Belohnungen. Also erst einmal nichts, was Mobile-Spieler überrascht. Entscheidend ist aber die konkrete Ausgestaltung.
Besonders auffällig ist der Verzicht auf das klassische 50/50-System bei limitierten Bannern. Bei vielen Gacha-Spielen bedeutet ein hoher Einsatz nicht automatisch, dass man den gewünschten limitierten Charakter bekommt. Man erreicht zwar eine Garantie, kann aber zunächst einen anderen hochrangigen Charakter ziehen und muss danach weiter sparen oder zahlen. Neverness to Everness macht es hier offenbar direkter: Bei 90 Pulls soll der vorgestellte S-Rank-Charakter garantiert sein.
Das ist ein starkes Signal für Free-to-Play-Spieler. Hinzu kommen großzügige Launch-Belohnungen. Haniel als kostenloser A-Rank-Support und die Möglichkeit, über das City-Tycoon-System Chiz als S-Rank-DPS samt Signaturwaffe freizuschalten, machen den Einstieg deutlich freundlicher. Wenn diese Struktur langfristig erhalten bleibt, könnte Neverness to Everness tatsächlich zu den faireren Gacha-Spielen gehören.
Natürlich bleibt Gacha trotzdem Gacha. Auch ein großzügiges System arbeitet mit Sammeldruck, Bannern, Ressourcen und der Hoffnung auf seltene Einheiten. Aber im Vergleich zu vielen Konkurrenten wirkt Neverness to Everness zum Start weniger aggressiv. Für Spieler, die Anime-Gachas mögen, aber keine Lust auf ein gnadenloses 50/50-System haben, ist das ein echtes Argument.
Warum Neverness to Everness auffällt
Neverness to Everness ist nicht deshalb interessant, weil jedes einzelne System revolutionär wäre. Open World gibt es, Anime-RPGs gibt es, Gacha gibt es, Fahrzeuge gibt es ebenfalls. Der Unterschied liegt in der Kombination. Eine moderne Stadt mit Anime-Optik, Action-Kämpfen, Fahrzeugen, Charakterbannern und Controller-Support ist auf dem Smartphone noch immer ungewöhnlich.
Genau diese Mischung macht das Spiel aber auch riskant. Je mehr ein Spiel gleichzeitig sein will, desto größer ist die Gefahr, dass einzelne Bereiche nicht tief genug werden. Die Stadt muss lebendig wirken, das Fahren muss Spaß machen, die Kämpfe müssen tragen, die Story muss binden, und das Gacha-System darf nicht abschrecken. Neverness to Everness balanciert also auf ziemlich vielen Baustellen gleichzeitig herum. Mutig, aber auch ein bisschen wie ein Anime-Held, der fünf Waffen trägt und hofft, dass keine runterfällt.
Bislang scheint das Spiel erstaunlich viel davon hinzubekommen. Es sieht stark aus, läuft gut, bietet ein interessantes Stadtkonzept und macht beim Fahren später offenbar Spaß. Gleichzeitig gibt es klare Reibungspunkte: Der Einstieg ist zu langsam, die Story zündet nicht sofort, und das Kampfsystem könnte mehr Treffergewicht vertragen.
Für wen lohnt sich Neverness to Everness?
Neverness to Everness lohnt sich vor allem für Spieler, die ein hochwertiges Anime-RPG auf dem Smartphone suchen und Lust auf eine moderne Open World haben. Wer Genshin Impact, Tower of Fantasy, Zenless Zone Zero oder Wuthering Waves kennt, findet hier viele vertraute Bausteine, aber in einer urbaneren Verpackung. Die Stadt, die Fahrzeuge und der stärkere Fokus auf moderne Umgebungen geben dem Spiel eine eigene Identität.
Wer dagegen ein echtes GTA Mobile mit Anime-Skin erwartet, sollte seine Erwartungen korrigieren. Neverness to Everness ist kein Spiel, in dem du sofort Autos klaust, Chaos verursachst und die Stadt komplett frei zerlegst. Der GTA-Vergleich funktioniert eher über Fahrzeuge, offene Stadt und Erkundungsgefühl, nicht über Sandbox-Freiheit im klassischen Sinne.
Für Free-to-Play-Spieler ist das Spiel besonders interessant, wenn die großzügige Struktur beim Gacha-System erhalten bleibt. Garantierte limitierte Charaktere bei Hard Pity, starke kostenlose Figuren und zusätzliche Freischaltungen über Ingame-Systeme sind ein deutlich angenehmerer Einstieg als bei vielen Konkurrenten. Das kann langfristig ein großer Vorteil sein, wenn spätere Updates nicht heimlich die Schraube anziehen.
Fazit: Neverness to Everness ist kein GTA-Anime, aber trotzdem spannend
Neverness to Everness verkauft sich stark über das Versprechen einer offenen Anime-Stadt mit Fahrzeugen. Dieses Versprechen wird nicht komplett gebrochen, aber es wird langsamer eingelöst, als viele Spieler erwarten dürften. Gerade der späte Zugang zum Fahren ist eine unnötige Bremse, weil genau dieses Feature für viele der Hauptgrund sein wird, das Spiel überhaupt auszuprobieren.
Trotzdem bleibt Neverness to Everness ein bemerkenswertes Mobile Game. Die Grafik ist stark, die Android-Optimierung wirkt für ein großes Open-World-Spiel erstaunlich stabil, das Kampfsystem ist flott, und das Gacha-System startet ungewöhnlich freundlich. Die Story muss noch beweisen, dass sie mehr kann als Stimmung und Mystery, aber die Grundlage ist da.
Wer ein echtes GTA-Erlebnis sucht, wird hier nicht landen. Wer aber ein modernes Anime-Open-World-RPG mit Stadt, Fahrzeugen, Gacha-System und ordentlicher technischer Umsetzung sucht, sollte Neverness to Everness im Blick behalten. Es ist nicht perfekt, aber es versucht wenigstens etwas Eigenes. Auf dem Mobile-Markt ist das inzwischen schon fast verdächtig mutig.



