Schneller zum Arzt – gegen Bares? Was Online-Portale sichtbar machen, zeigt, wie tief das System wirklich krankt. Die Details aus der Bundestagsantwort offenbaren ein komplexes Zusammenspiel aus Verantwortlichkeiten, Gesetzeslücken und verschleppten Konsequenzen.
Das Problem ist so alt wie die Zwei-Klassen-Medizin selbst: Wer privat versichert ist oder bereit, für einen früheren Termin als Selbstzahler zu zahlen, kommt meist schneller dran. Für gesetzlich Versicherte bleibt oft nur: warten, hoffen, oder eben doch zur Kasse gebeten werden – ganz offiziell, trotz gegenteiliger Berufsregeln. Die Drucksache 21/1124 aus dem Bundestag macht klar: Nicht wenige Praxen bieten schnelle Termine bevorzugt an, wenn der Patient die Kosten selbst trägt. Die Beweise? Medienberichte, Beschwerden von Betroffenen und sogar rechtliche Auseinandersetzungen.
Die Vorwürfe: Zwei-Klassen-Medizin und Selbstzahlertricks
Immer mehr Patienten berichten, dass sie auf Onlineportalen wie Doctolib oder Jameda zwar auf freie Termine hoffen, dann aber im Buchungsverlauf plötzlich vor der Wahl stehen: Entweder warten – oder selbst zahlen. Das Problem ist der Bundesregierung und den Abgeordneten bekannt, wie sie auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion selbst einräumt.
Die Kernaussage der Fragesteller:
Lange Wartezeiten, besonders für gesetzlich Versicherte, drängen Betroffene teils zur Privatzahlung. Das ist nicht nur ein „gefühltes“ Problem: Der Verbraucherzentrale Bundesverband sammelte gezielt Hinweise, dass gesetzliche Leistungen als Selbstzahlerleistung verkauft wurden – und spricht von systematischen Hürden auf Onlineplattformen. Das Misstrauen in das staatliche System wächst, wenn Versicherte erleben, dass sie für schnelle Hilfe zur Kasse gebeten werden.
Rechtliche Lage: Verboten – aber schwer zu ahnden
Die Bundesregierung verweist mehrfach auf bestehende Regeln:
- Nach der Musterberufsordnung für Ärzte (§32) ist es verboten, Vorteile oder Geschenke zu verlangen, wenn dadurch der Eindruck einer Beeinflussung entsteht. Das gilt auch für das Bevorzugen von Privatleistungen.
- Vertragsärzt:innen müssen laut SGB V im Rahmen ihres Versorgungsauftrags gesetzlich Versicherte ausreichend und zeitnah behandeln. Wer die Kassenpatienten absichtlich auf Selbstzahlertermine verweist, verstößt gegen diesen Auftrag und riskiert im Extremfall sogar den Entzug der Zulassung.
- Die Kontrolle liegt bei den Kassenärztlichen Vereinigungen, Ärztekammern und letztlich bei den Ländern.
Die Krux: In der Praxis bleibt vieles ungeahndet, weil Verstöße meist nur auf Beschwerde der Patienten verfolgt werden – und viele sich damit nicht auseinandersetzen wollen oder können.
Portale: Problem oder nur Spiegel?
Die Regierung sieht klar die Problematik, dass Portale wie Doctolib, Jameda & Co trotz gesetzter Filter Selbstzahler- oder Privatsprechstunden als Terminoptionen anzeigen. „Dadurch besteht die Gefahr, dass gesetzlich Versicherte unbeabsichtigt kostenpflichtige Leistungen buchen und so in eine Selbstzahlerrolle gedrängt werden“, so das Originalzitat2101124.
Bislang fehlen aber einheitliche Standards für diese Plattformen. Zwar gibt es technische Schnittstellen, etwa zu den Terminpools der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die diskriminierungsfreie Vermittlung vorschreiben. Doch wie die Portale selbst filtern und darstellen, bleibt oft intransparent. Im Gesetzesentwurf zur Digitalagentur Gesundheit war schon einmal angedacht, Mindeststandards für Terminplattformen festzulegen – dieser wurde aber nie umgesetzt.
Wer ist zuständig – und was macht die Bundesregierung?
Die Bundesregierung sieht den Ball vor allem bei den Institutionen der Selbstverwaltung – also bei Kassenärztlichen Vereinigungen und Ärztekammern. Erst, wenn „valides Fehlverhalten“ im großen Stil vorliegt, will man tätig werden. Bislang verweist man auf Einzelfallprüfungen und die Möglichkeit der Disziplinarmaßnahmen, hält aber gleichzeitig fest, dass die Politik in der 21. Legislaturperiode durchaus über neue Standards für die Plattformen nachdenkt. Im Koalitionsvertrag steht dazu die Prüfung eines verbindlichen Primärarztsystems mit Termin-Garantie.
Was können Betroffene tun?
Patient:innen haben laut Bundesregierung durchaus Möglichkeiten, sich zu wehren:
- Beschwerden an die Ärztekammern (berufsrechtliche Verstöße)
- Beschwerden an die Kassenärztlichen Vereinigungen (Vertragsarztverstöße)
- Im Zweifel auch an das jeweilige Landesministerium, wenn die Kammern nicht tätig werden
Doch: Der Aufwand ist hoch, die Erfolgsaussichten unklar. Die meisten geben frustriert auf oder zahlen selbst, wie Erfahrungsberichte belegen.
Bewertung: Flickenteppich statt klarer Lösung
Das Fazit aus dem Bundestagsdokument ist bitter:
Verboten ist die Bevorzugung von Selbstzahlern längst – aber echte Durchsetzung fehlt. Die Online-Portale sind eher Brandbeschleuniger und machen Missstände nur offensichtlicher. Ohne einheitliche technische Vorgaben, Transparenzpflichten und vor allem: ausreichend verfügbare Termine für Kassenpatienten, wird sich wenig ändern.
Die Politik prüft, beobachtet und redet – doch das Grundproblem bleibt: Zu viele Schlupflöcher, zu wenig Kontrolle und keine echte Durchsetzung der Regeln.
Stimmen aus der Realität: Frust, Datenschutz, Hilflosigkeit
Wer sich durch Kommentarspalten und Patientenberichte liest, erkennt schnell: Die Lage ist angespannt. Viele Kassenpatienten landen trotz aller Versuche immer wieder bei Selbstzahler-Terminen oder finden schlicht nichts Schnelles. Andere berichten von intransparenten Buchungsprozessen und Datenschutzproblemen. Für Menschen mit Einschränkungen sind die Portale zwar oft eine Erleichterung – aber auch sie stoßen schnell an Grenzen, wenn es ums Geld oder um freie Termine geht.
Einige haben das Spiel längst durchschaut: „Vor Doctolib musste man sich am Telefon schon als Privatpatient ausgeben, um schnell einen Termin zu bekommen“, erinnert sich ein Kommentator. Heute macht es die Software sichtbar – geändert hat sich wenig. Wer das System umgehen will, muss sich an Hausärzte, Dringlichkeitscodes, offene Sprechstunden oder die Hotline der Kassenärztlichen Vereinigungen wenden. Viel bringt das allerdings meist nicht.
Und jetzt? Zeit für echte Reformen, nicht nur Kosmetik
Der aktuelle Streit um Doctolib und Co ist nur ein Symptom. Ob mehr Regulierung, Mindeststandards für Portale oder neue Filter wirklich helfen, ist fraglich. Solange das grundlegende Versorgungsproblem nicht angegangen wird – zu wenig Termine, ungleiche Vergütung, falsche Anreize –, bleibt alles beim Alten. Die Plattformen sind nicht die Ursache, sondern nur der Spiegel eines Systems, das längst überholt ist.
Fazit:
Wer heute als gesetzlich Versicherter einen schnellen Facharzttermin braucht, braucht entweder Glück, Geld oder Geduld – oft aber alles drei. Die Portale sind praktisch, aber keine Lösung für die Zwei-Klassen-Medizin. Die Politik muss sich endlich entscheiden: Zuschauen oder handeln.



